Über eine App ein Taxi bestellen? Das ist nicht neu. Aber was, wenn statt eines Autos ein Fluggerät anschwebt? In Dubai wird das gerade Wirklichkeit – dank mutiger Ideen der Deutschen Firma Volocopter. Mit im Boot – pardon, im Taxi: die Daimler AG.

Ein ganz normaler Wochentag. Der Weg zur Arbeit wird auf der A8 in Richtung Stuttgart mal wieder zum Nervenkrieg. Warum kann mein Auto nicht einfach abheben und den Stau hinter mir oder besser noch unter mir lassen? In der Stadt ist es nicht viel besser. Die Blechkolonne schleppt sich mühsam durch die Straßen, und natürlich bekomme ich wieder mal keinen Parkplatz. Ausnahme? Nein. Alltag. Noch bevor ich ins Büro komme, ist mein Tag eigentlich schon gelaufen. „In Zukunft werden wir mit zunehmender Urbanisierung und knappem Parkraum konfrontiert sein“, sagt uns Isabell Knüttgen im Interview auf Seite 106. Sie ist die Pressesprecherin bei e-mobil BW, der Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie Baden-Württemberg. Für Pendler und Autobesitzer in Städten sind das keine guten Aussichten. Doch Isabell Knüttgen ist sich sicher, dass das Nutzerverhalten dadurch intermodaler wird: „Menschen legen Wegstrecken künftig viel mehr mit Share-Flotten zurück, aber auch mit der Bahn und dem Nahverkehr.

Volocopter in Dubai

Die Antwort auf das Mobilitätsproblem

Oder mit fliegenden eDrohnen. Das ist die Idee von Alexander Zosel, Mitbegründer des Unternehmens Volocopter aus dem badischen Bruchsal bei Karlsruhe. So soll es gehen: Man gibt auf dem Handy sein gewünschtes Ziel ein, das System sucht das beste Fortbewegungsmittel aus. Und dann kommt eben mitunter eine selbst fliegende eDrohne angeschwebt. „Mit einem Lufttaxi wäre das wachsende Mobilitätsproblem moderner Städte gelöst“, ist Alexander Zosel überzeugt. Dafür hat das junge Unternehmen den Volocopter 2X entwickelt, der ein bisschen aussieht wie ein Hubschrauber ohne Heckrotor. Angetrieben wird das Fluggerät von 18 Rotoren, die auf einem Gestell über der Kanzel angeordnet sind. Der Antrieb ist in neun unabhängige Antriebsstränge aufgeteilt, jeweils mit Akku, Elektronik und zwei Rotoren, damit der Volocopter beim Ausfall eines Akkus nicht abstürzt. Der Volocopter erreicht somit einen hohen Grad an Ausfallsicherheit: Alle sicherheitsrelevanten Systeme sind mehrfach vorhanden, überwachen sich gegenseitig und kompensieren gegebenenfalls den Ausfall von Komponenten.

Die Rotoren lassen sich einzeln ansteuern und haben feststehende Blätter, deren Anstellwinkel nicht verstellt werden kann. Das Fluggerät wiegt mit Akkus 290 Kilogramm und kann zwei Passagiere mit einem Gesamtgewicht von bis zu 160 Kilogramm transportieren. Es fliegt bis zu 100 km/h schnell und kann bis 2.000 Meter aufsteigen. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h beträgt die maximale Flugzeit knapp eine halbe Stunde.

In Dubai, Hauptstadt des gleichnamigen Emirats, soll der Volocopter nun auf lange Sicht als öffentliches Verkehrsmittel zum Einsatz kommen. Dafür hatte die dortige Straßen- und Transportbehörde (RTA) vor einigen Monaten eine Partnerschaft mit Volocopter vereinbart. Während einer fünfjährigen Testphase soll erprobt werden, wie der autonome Transport per Luft funktionieren könnte. Ausschlaggebend dafür, dass die RTA sich für das Bruchsaler Unternehmen entschied, waren insbesondere die strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards, die die eDrohne erfüllt. „Das Modell 2X wollen wir in zwei Versionen anbieten“, sagt Alexander Zosel. „Zum einen eine Ausführung für den Privatgebrauch, die sich mit einem Joystick spielend einfach steuern lässt. Für einige Hunderttausend Euro kann sie jeder Hobbypilot mit Fluglizenz in Deutschland erwerben. Und zum anderen die autonom betriebene Ausführung. Diese kann von Städten unter anderem als Flugtaxi eingesetzt werden, von großen Unternehmen für Lieferungen oder von öffentlichen Einrichtungen unter anderem für die Luftrettung. Möglich ist zudem der Einsatz als Lastendrohne, beispielsweise in der Agrarwirtschaft.

Helikopter ade

Wie geschaffen für die urbane Mobilität: Der Vorteil von Volocoptern gegenüber Helikoptern? Sie sind leiser, wartungsärmer und dabei vollelektrisch. Alle 18 Rotoren liegen akustisch in einem engen Frequenzband, daher erscheinen sie dem menschlichen Gehör nur etwa doppelt so laut wie ein einzelner. Ein Helikopter ist dagegen um ein Vielfaches lauter. Zum Vergleich: Ein Volocopter 2X ist bereits in 75 Meter Entfernung so leise wie ein Kleinsthubschrauber in 500 Meter Entfernung.

volocopter 2X - you and the city

Volocopter 2X – You and the city.

Der Weg zur Autonomie

Der autonom fliegende Volocopter wird nahezu identisch mit der Version für Hobbypiloten sein – nur eben ohne Joystick“, sagt Alexander Zosel. „Die pilotierte Ausführung sehen wir als Brückentechnologie zum autonomen Fliegen.“ Denn das Ziel des Unternehmens ist es, den Volocopter als öffentliches Verkehrsmittel zu etablieren und damit Fliegen für jedermann zu ermöglichen. Ihren Jungfernflug hat die eDrohne in Dubai bereits erfolgreich absolviert. Sie flog erstmals im urbanen Raum und war acht Minuten in der Luft. Der Flug verlief ohne Probleme. Der Volocopter flog autonom; Passagiere saßen nicht in dem Zweisitzer.

Volocopter - Alexander Zosel

Volocopter – Alexander Zosel

Volocopter - Brückentechnologie zum autonomen Fliegen: die pilotierte Ausführung.

Brückentechnologie zum autonomen Fliegen: die pilotierte Ausführung.

Der autonom fliegende Volocopter 2X befindet sich aktuell in der Entwicklung. „Dem Modell fehlen noch die notwendigen Flugstunden, bevor es im urbanen Raum zum Einsatz kommen darf“, erläutert Alexander Zosel. Für die kommerzielle Zulassung der Luftfahrtbehörden ist Sicherheit das allergrößte Thema: Das Unternehmen muss beweisen, dass der Volocopter in unterschiedlichen Situationen sicher und zuverlässig fliegen kann und damit den hohen Standards der kommerziellen Luftfahrt auch gerecht wird. Denn der 2X kann zwar unbemannt fliegen, allerdings nur anhand vorgegebener Wegmarken. Auf Hindernisse reagieren und ihnen ausweichen kann er noch nicht.

Emissionsfrei in die Luft

Isabell Knüttgen von e-mobil BW rechnet damit, dass in etwa zehn Jahren die Automobiltechnik so weit entwickelt ist, dass autonomes Fahren Realität sein wird. „Das autonome Fliegen können wir schon früher umsetzen“, ist Volocopter-Mitbegründer Zosel überzeugt. Voraussetzung ist die Schaffung einer entsprechenden Gesetzesgrundlage. Während es in Deutschland noch einige Jahre dauern wird, bis autonome Taxis zum Einsatz kommen, sind andere Länder schneller – unter anderem Dubai. Darum ist es dort wahrscheinlicher, dass die Entwickler ihre Vision schon bald umsetzen können. Die dortige Regierung plant, bis zum Jahr 2030 ein Viertel des Personentransports mit autonomen Fahrzeugen am Boden und in der Luft abwickeln zu können.

Volocopter - Die eDrohne spart Zeit, ist extrem sicher, emissionsfrei und leise.

Und wie kann die erforderliche Infrastruktur aussehen? Alexander Zosel denkt dabei an Hubs, also Umschlageplätze ähnlich wie Flughäfen, auf denen die eDrohnen parken, wo Akkus gewechselt und wo die Fluggeräte gewartet werden können. Von hier aus sind dann auch Routen festgelegt, und der Fluggast kann „on demand“ an einem festgelegten Landeplatz abgesetzt werden. „Die Infrastruktur wird sich wesentlich günstiger gestalten lassen als zum Beispiel der Bau von Autobahnen, Bahnhöfen oder Tunnelsystemen“, sagt er.

Um die Entwicklung schneller vorantreiben zu können, hat das Unternehmen über eine Kapitalerhöhung neue Investoren und 25 Millionen Euro frisches Kapital an Bord geholt. Volocopter will die neuen Finanzmittel nutzen, um seine Vorreiterrolle in der Branche weiter auszubauen. Dazu sollen weitere Ingenieure in den Bereichen Flugsystementwicklung, Software und elektrischer Antrieb eingestellt werden. Zu den neuen Investoren zählt auch die Daimler AG. „Der Automobilkonzern ist für uns vor allem strategischer Partner“, erläutert der 51-jährige. „Wir wollen mit ganzen Flotten Mobilitätsservices in Innenstädten zur Verfügung stellen. Dazu planen wir die Weiterentwicklung der Fluggeräte zur Serienreife und die Produktion in großen Stückzahlen. Denn in den Mega-Citys sollen künftig einige Hundert Volocopter den öffentlichen Nahverkehr ergänzen.“ Und Daimler weiß, wie das funktioniert.

Das Gesetz

Das Bundeskabinett hat Ende Januar 2017 den vom Bundesverkehrsministerium vorgelegten Gesetzesentwurf zum automatisierten Fahren (Änderung des Straßenverkehrsgesetzes) beschlossen. Damit dürfen hoch- oder vollautomatisierte Fahrsysteme künftig die Fahraufgabe selbstständig übernehmen. Menschlicher Fahrer und Computer werden quasi gleichgestellt.

Die Haftung

Wer haftet, wenn beim autonomen Fahren die Technik versagt und einen Unfall verursacht? Die Suche nach dem Schuldigen soll eine Art Blackbox übernehmen. Das Gerät zeichnet die wesentlichen Daten der Fahrt auf. Damit lässt sich klären, ob Technik und damit der Hersteller oder ob der Fahrer Schuld hat.

Auf Grundlage der engen Zusammenarbeit mit dem Automobilkonzern erhofft sich Volocopter auch die Möglichkeit, den 2X bald mit Brennstoffzellen betreiben zu können. Darin sieht das Unternehmen die Zukunft. „Die Brennstoffzelle ist emissionsfrei, und wir könnten die Reichweite unseres Fluggeräts deutlich verlängern“, erläutert Zosel, „es würde uns freuen, wenn wir Zugriff auf diese Technologie hätten.

Abends auf der Heimfahrt stehe ich am Stuttgarter Kreuz wieder im Stau, so wie jeden Abend. Wieder komme ich ins Träumen: Wie schön wäre es jetzt, wenn mein Auto einfach abheben könnte, senkrecht in die Höhe und dann Luftlinie nach Hause – so wie der Volocopter.

Text: Klaus Schöffler

„Das war der beste Flug, den ich je hatte“ – Volocopter

Während der Intel-Keynote zur Consumer Electronics Show (CES) im Park Theater in Las Vegas, gab das deutsche Lufttaxi Unternehmen Volocopter bekannt, dass Intel-CEO Brian Krzanich der erste Passagier des Volocopters ist.

Dem Stau entfliegen mit dem Volocopter

Über eine App ein Taxi bestellen? Das ist nicht neu. Aber was, wenn statt eines Autos ein Fluggerät anschwebt? In Dubai wird das gerade Wirklichkeit – dank mutiger Ideen der Deutschen Firma Volocopter. Mit im Boot – Pardon, im Taxi: die Daimler AG.

Die Senkrecht starter

WERDEN WIR IN ZUKUNFT IN FLIEGENDEN AUTOS UND TAXIS ÜBER STAUS UND LÄSTIGE AMPELN HINWEG ZUR ARBEIT ODER IN DEN URLAUB ABHEBEN? EINE VISION WIE AUS DEM KINO WIRD IN DUBAI VIELLEICHT BALD WIRKLICHKEIT.

E-VOLO

Schwereloses Schweben mit dem Volocopter 2X