Tobias Stille, Drehbuchautor und Regisseur aus Baierbrunn bei München, ist fast jedes Wochenende in den nahen Alpen unterwegs. Er ist deshalb auch mit 51 noch topfit. Einer, von dem man erwarten würde, dass er die Nase rümpft, wenn ein „Bergsportler“ mit Hilfsmotor an ihm vorbeiprescht. Tut Stille aber nicht. „Wenn eine schwierige Klettertour ansteht, möchte ich nicht schon müde und unkonzentriert sein, wenn ich am Wandfuß ankomme“, meint er ganz pragmatisch. „In den langen Tälern des Karwendelgebirges nutze ich da gern mein eBike, zumal der Rucksack mit Kletterseil, Gurt, und Karabinern richtig schwer ist.“ Die 20 Kilometer und 500 Höhenmeter bis zum Start der eigentlichen Tour ließen sich so viel unbeschwerter zurücklegen. Stille hat sich das eBike allerdings nicht speziell für diesen Zweck gekauft. Er nutzt es auch, um seine Kids im Anhänger zu ziehen, wenn die Steigung für ein „normales“ Bike zu heftig wäre. Für den Einkauf am Wohnort. Für Termine in München. Als „faule Socke“ sieht er sich deshalb noch lange nicht. Denn am Wochenende legt er bei Berg- und Skitouren oder bei einer „richtigen“ MTB-Tour locker mal 2.000 Höhenmeter pro Tag zurück „by fair means“ – ohne Strom.

Sogar Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), reagiert überraschend positiv auf den Trend zum eBike in den Bergen. Ähnlich wie Stille kann er sich vorstellen, das eMTB zu nutzen, um zum Beispiel im Frühling abgelegene Skitourenziele zu erreichen. Ohne Motor ist das eine ordentliche Plackerei, denn Skier und Tourenschuhe müssen am Rad befestigt werden. Und dann wird eben gestrampelt und geschwitzt, bis endlich die Schneegrenze erreicht ist und man das Bike parken und auf Skier umsteigen kann. Mit dem eMTB: Tempi passati!

Natürlich stellen die beiden wohl eher nicht die Mehrheit der eMountainbiker dar. Das Gros dürfte aus Menschen bestehen, die jetzt erst mit Hilfsmotor Almen und Berghütten im Wortsinn „erfahren“ können, die sie mit ihren eigenen PS nie und nimmer erreicht hätten, weil ihnen dafür die Kondition, die sie entweder nie hatten oder die ihnen im Lauf der Jahre der innere Schweinehund stibitzt hat, fehlt oder weil die Gelenke nicht mehr mitmachen. Allerdings sind das nur Vermutungen, denn verlässliche Zahlen und Statistiken zum Absatz und Einsatz von eMountainbikes sind nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) zufolge fuhren 2016 auf deutschen Straßen 3 Millionen eBikes (Stand März 2017). Der Anteil der Pedelecs am Gesamtmarkt sei damit von 12,5 Prozent in 2015 auf 15 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Rechnet man Kinderräder und Rennräder heraus, ist das Tortenstück sogar noch deutlich größer. Mittelfristig könne von einem Anteil von 18 bis 20 Prozent ausgegangen werden, so der ZIV. Langfristig rechnet der Verband sogar damit, dass fast jedes dritte Rad einen Hilfsmotor besitzen wird. Einer der Gründe für das anhaltende Wachstum: Immer mehr jüngere Jahrgänge entdecken das eBike, weil ihnen entsprechend trendige Modelle angeboten werden. Dazu gehören Cargo-Räder mit Motorunterstützung oder durchgestylte Urban-eBikes, bei denen man eBike-Motor und Akku kaum noch sehen kann – vor allem aber eMountainbikes. Im laufenden Jahr 2017 schlüsselt der ZIV deshalb zum ersten Mal auf, wie der Absatz von eBikes nach Modellgruppen aussieht: Die Kategorien eCity/Urban kommen auf 45 Prozent, die Kategorie eTrekking auf 35,5 Prozent, eMTBs auf 15 und eLastenräder auf 2,5 Prozent. 15 Prozent also. Das heißt, fast jedes sechste neu verkaufte eBike ist ein „Bergrad“. Nahezu alle bekannten Hersteller von MTBs bieten inzwischen auch Bikes mit Hilfsmotor an: als Hardtail, als Fully, mit unterschiedlichen Laufradgrößen, mit Karbon- oder Alurahmen. Der Imagewandel, den das eBike derzeit erlebt, ist da förmlich mit Händen greifbar. Oma-Bike? War gestern! In Werbefilmchen preschen Profi-Freerider wie Richie Schley über steile und ausgesetzte Dolomitenpfade, haarscharf am Abgrund. Mit einem Enduro-Pedelec!

Gas geben am Gardasee: Ghost Bikes testet seine eBoliden in südlichen Gefilden.

Gas geben am Gardasee: Ghost Bikes testet seine eBoliden in südlichen Gefilden.

Es entsteht ein komplett neuer Markt

Rund um die geländetauglichen eMountainbikes entsteht ein komplett neuer Markt. Szeneforen wie mtb-news.de haben sich darauf eingestellt und bieten jetzt auch ein Portal an, das www.emtb-news.de heißt. Neue Websites und Print-Magazine sprießen wie Krokusse aus dem Boden. Fachbücher und Reiseberichte fluten den Markt. Reiseveranstalter bieten eBike- Trips und Transalp-Wochen „unter Strom“ an. Bei legendären Rennen wie dem Sea Otter Classic in den USA gibt es separate Starts für eBikes, in Deutschland entstand die Rennserie German eMTB Masters. Vor allem aber die Touristiker haben das Potenzial der eMountainbikes entdeckt. An vielen Orten in den Alpen entstehen Ladestationnetze von Movelo oder Bike-Energy. Destinationen wie Alta Badia in Südtirol haben spezielle Wege für eMTBs geschaffen, mit „Tankstellen“, ausgeschilderten Routen und Leihstationen. Der Clou dabei: Man kann das Bike an einem Ort ausleihen und an einem anderen wieder zurückgeben – maximale Flexibilität, wie beim Autovermieter. Hoteliers, die sich in Vermarktungsgesellschaften wie Bike Holiday zusammengetan haben, setzen natürlich ebenfalls auf Akku- Power und stellen sich auf die neue Klientel ein. Und im Winter sind sogar Fatbikes mit Hilfsmotor im Kommen: In Livigno kann man mit solchen Gefährten geführte Nacht-Touren zu Hütten buchen. Nach einer zünftigen Jause und dem Aufwärmen am Kaminofen geht es dann im Schein der Stirnlampe wieder zurück ins Quartier. Viele Skifahrer, die sonst eher nicht aufs Rad steigen, sprachen vom besten Erlebnis ihres Winterurlaubs.

Spannende Zeiten sind das, die da anbrechen. Ob es gute oder schlechte Zeiten werden – darüber streiten sich Laien und Experten derzeit treffl ich. Oft verlaufen die Diskussionen kontrovers und emotional, selten sachlich. Bei einigen Verbänden ist die Überforderung regelrecht zu spüren. Der DAV als größter Lobby-Verband der Bergsportler hat zum Beispiel erst 2016, nach langen internen Kämpfen, ein Positionspapier zum Thema MTB verabschiedet. Viele Jahre waren den Vereinsoberen die Bergradler ein Dorn im Auge, sie wurden gemobbt. Der Konfl ikt zwischen Bikern und Wanderern wurde künstlich aufgeblasen. Die Wende kam erst, als die Bosse schwarz auf weiß sahen, dass die meisten DAV-Mitglieder längst selbst Mountainbikes nutzen: für reine MTB- Touren, für Bike&Hike-Touren, zum Vermeiden langer Talhatscher. Am Ende hat sich der DAV selbst ins Fleisch geschnitten, sein Image als etwas verschlafener und gestriger Verein zementiert. Und die hauseigene Bergsteigerschule, der DAV Summit Club, hat eine wichtige Zielgruppe jahrelang komplett ignoriert und Kunden an andere, innovativere Veranstalter verloren.

Schadenfreude verbietet sich jedoch. Denn beim Thema Elektromountainbikes ist die Zurückhaltung des DAV ja vielleicht ganz berechtigt. Dort heißt es zwar recht umständlich, die „Unterstützung des Fahrradfahrens durch Elektroantrieb eröffnet neue Anwendungsperspektiven für die Ausübung des Bergsports“, und „Pedelecs könnten das Erlebnis Mountainbike leichter zugänglich“ machen. Grundsätzlich sieht der Verein den Trend aber kritisch und setzt sich für Bewegung aus eigener Kraft ein: „Das Radfahren in den Bergen mit E-Bikes […] unterstützt der DAV nicht.“ Das sind zwar recht deutliche Worte, aber immerhin sagt der DAV den eMTBs auch nicht offen den Kampf an, sondern schiebt etwas versöhnlicher nach: „Bei der Nutzung von Pedelecs im Gebirge ist eine ausreichende Unterrichtung über Naturund Umweltschutzaspekte, Handling, Reichweite und Risiken sowie eine Einführung in die nötige Basis-Fahrtechnik für Einsteiger unabdingbar.“ Das wiederum klingt ganz vernünftig. Auch wenn vieles davon Wunschdenken bleiben dürfte. Die wenigsten eBike-Käufer dürften einen Fahrtechnikkurs dazu buchen. Aber ein solcher würde auch vielen MTB-Piloten ohne Hilfsmotor gut zu Gesicht stehen.

Akku-Power – ein Grenzfall?

Einer, der den Part des Diplomaten, des Vermittlers übernehmen könnte, ist Axel Head. Der Diplom-Kaufmann ist Gründungsmitglied des DAV-Lehrteams MTB und bietet als Bike-Guide mit seiner Firma emotionSPORTS MTB- und Skireisen sowie Technikkurse an. Er selbst brauche keine Akku-Power, bekennt er. Aber er bekomme die aktuellen Trends und Diskussionen eben live mit. Er weiß, dass einige Alpenvereinshütten längst Ladestationen für Akkus anbieten, um mehr eMTBPublikum anzulocken, und sich damit quer zum Hauptverein stellen. Er kenne eBiker, die begeistert vom „Uphill Flow“ schwärmen – einem Synonym für Fahrspaß und Herausforderung bergauf, wo früher nur Schwitzen und Quälen angesagt waren. Er weiß, dass eMountainbiker die Bikeparks in den Alpen für sich entdecken und dort nicht mehr auf Sessellifte und Gondelbahnen angewiesen sind, was für das Geschäftsmodell der Betreiber Konsequenzen haben wird. Und er bekommt auch mit, dass einige überzeugte eMTBPiloten für eine freiwillige Selbstbeschränkung plädieren. Auf www.emtb-news.de schreibt zum Beispiel ein User: „Man muss jetzt nicht überall hochfahren, nur weil man ein legales Buschmoped hat. Wenn man nicht noch das letzte Eck der Natur erobert, trägt das einen Teil zum Frieden mit Wanderern und Jägern bei.“

Thule Freeride Festival am Kaunertaler Gletscher mit eMTBs von Ghost.

Thule Freeride Festival am Kaunertaler Gletscher mit eMTBs von Ghost.

Head fi ndet solche Statements vernünftig, aber er sagt auch, dass „individuelle Empfi ndungen in Diskussionen noch nie viel gebracht haben“. Ob das Berg-Pedelec als erleichternd oder verwerfl ich, ökologisch sinnvoll oder heuchlerisch empfunden werde und ob die persönliche Positionierung nun für oder gegen den „Strom“ ausfalle, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Da sei Toleranz gefragt. Was man jedoch sehr wohl tun könne: Die Stärken und Schwächen, Chancen und Gefahren des Sportgeräts eMountainbike pragmatisch analysieren. Nur so könne man die negativen Aspekte eines Trends, der sich ohnehin nicht umkehren lasse, abschwächen oder sogar ganz eliminieren.

Auf der Stärken-/Chancen-Seite sieht Head folgende Argumente: die Kraftersparnis, ein größerer Tourenradius, eine gleichmäßigere Herz-Kreislauf-Belastung, eine positivere Gruppendynamik dank des unbeschwerten Fahrgefühls auf allen Leistungslevels, die Anreiseoption ohne Auto, Bus oder Zug, die Integration von eMTBs in ein ganzheitlich vernetztes Mobilitätskonzept sowie die Erweiterung und das „Socialising“ der Personengruppen, die mit dem Rad in den Bergen unterwegs sein können.

An Schwächen und Gefahren listet Head auf: hohes Gewicht verbunden mit geringerer Agilität, eingeschränkte Tourentauglichkeit, weil eMTBs für alpine Tragepassagen zu schwer sind, alpine Gefahren bei Ausfall oder Ende der Akku-Kapazität, wenn Schutzhütten zum Beispiel bei einem Wettersturz nicht mehr rechtzeitig erreicht werden können, Reduzierung der Wertigkeit persönlicher Leistung, Unfallrisiko in alpinem Gelände durch fehlende Erfahrung und falsche Selbsteinschätzung, Erhöhung der Wegefrequentierung durch zusätzliche Nutzer mit Folgen wie Erosionsschäden.

Auch der Tourismusverband Kitzbüheler Alpen – Brixental setzt auf eMTBs von Ghost.

Auch der Tourismusverband Kitzbüheler Alpen – Brixental setzt auf eMTBs von Ghost.

Einige Themen erledigen sich von selbst

Jeder dieser Aspekte auf der Pro- und der Kontra-Seite hat natürlich verschiedene Facetten. Sind Kraftersparnis und ein größerer Tourenradius Werte an sich? Oder nur ein Produkt unserer Immer-Schneller- Weiter-Welt? – Einige Themen werden sich vermutlich ganz von selbst regeln: Wer einmal sein schweres eMTB über unzählige Weidezäune gewuchtet hat, wird sich beim nächsten Mal eine geeignetere Route aussuchen. Zu anderen Aspekten wie der Unfallgefahr gibt es schlicht noch keine verlässlichen Zahlen. Laut einer Studie der TU Chemnitz von 2015 und der Unfallforschung der Versicherer (UDV) sind Pedelecs als Sportgerät per se grundsätzlich nicht unfallträchtiger als Fahrräder ohne Strom. Untersucht wurden dabei allerdings vor allem Unfallmuster in der Stadt. Axel Head sieht im alpinen Gelände die Gefahr, „dass der Stromantrieb Menschen zum Startpunkt steiler Abfahrten bringt, für die ihnen die Erfahrung fehlt“. Außerdem seien eBike-Nutzer auch heute noch tendenziell älter, hätten also im Durchschnitt weniger Koordinationsvermögen, Kraft und Reaktionsfähigkeit. Andererseits weiß Head auch, dass gerade jüngere eBergradler der Versuchung erliegen, sich in Regionen beamen zu lassen, die sie überfordern. Deshalb bemühen sich Organisationen wie der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC), der DAV und die Deutsche Initiative Mountain Bike e. V. (DIMB) präventiv um Aufklärung und Handlungsempfehlungen. Kommerzielle Anbieter wie Head selbst stimmen ihre MTB-Technikkurse auf die neue Kundengruppe der eBiker ab.

Was genau die Zukunft für geländetaugliche eMountainbikes bringen wird, weiß wohl niemand exakt vorherzusagen. MTBHersteller sehen die Weiterentwicklung von Technik und Design, die soziotechnische Vernetzung des eMountainbikes im Web 2.0 und eine wachsende Akzeptanz in Gesellschaft und Communitys. Ob es wirklich so kommt, wird sich zeigen. Fest steht indes: eBikes sind in den Bergen angekommen und werden dort noch in vielerlei Hinsicht für Herausforderungen sorgen. Wenn sich ihr Einsatz mit freiwilligen Selbstbeschränkungen und gesundem Menschenverstand regeln ließe, wäre das allemal besser als unsinnige Gesetze wie die „2-Meter-Regel“ in Baden-Württemberg, die Mountainbikern ganz pauschal das Befahren schmalerer Wege verbietet – mit oder ohne Motor.

Mit eMTBs lassen sich auch ruppige Pfade bergauf befahren.

Mit eMTBs lassen sich auch ruppige Pfade bergauf befahren.

Text Günter Kast
Fotos: Ghost Bikes, TVB Kitzbüheler Alpen – Brixental