Ja, es gibt ein literarisches Leben vor dem eTecMag. Glauben Sie nicht? Wir auch nicht, bis wir in Frankfurt auf Lukas Neckermann trafen. Hier geben wir einen Einblick in sein aktuelles Buch.

Kapitel 1 aus „INTELLIGENTE STÄDTE, INTELLIGENTE MOBILITÄT“ / Matador Business Press: Was ist „intelligent”?

Dies bedeutet zwangsläufig auch, dass intelligente Städte sich kontinuierlich neu erfinden. Während sie ihre Geschichte, Kultur sowie ihr ‚Herz‘ nicht vergessen, ermöglichen wirklich fortschrittliche Städte stets neue Erlebnisse, neue Infrastrukturen und neue Wege der Interaktion mit ihrem Umfeld. Dahinter verbirgt sich ein enormes Potenzial – sowohl für die Gesellschaft als auch wirtschaftlich gesehen. Barack Obamas „President’s Council“ für Wissenschaft und Technik berichtete im Februar 2016 von den „neuen Möglichkeiten für das physische Management und die sozioökonomische Entwicklung von Städten“. Die Verbindungen zwischen Dienstleistern und Nutzern würden enger, schneller, persönlicher und umfassender, ist im Bericht zu lesen. So ist es folglich auch keine Überraschung, dass Investitionen in technologiebasierte „Smart City“-Lösungen – ohne Infrastruktur – bis 2020 um die 1,6 Billionen US-Dollar erreichen und, so Frost & Sullivan, fast alle Industriezweige umfassen werden.

Ein Plädoyer für den europäischen Urbanismus

Während dieses Buch sich zwar auf eine Recherche und Beispiele aus aller Welt bezieht, wollen wir hier insbesondere auf den europäischen Urbanismus aufmerksam machen. Nicht ganz überraschend, dagegen aber dennoch oft unbeachtet, bietet Europa einen fruchtbaren Nährboden für intelligente Stadtinnovationen. Unbestreitbar kommen einige der aufregendsten technischen Innovationen aus Silicon Valley, aber ich lehne die Behauptung ab, dass die USA im Zentrum der Bewegung in Richtung intelligente Städte und intelligente Mobilität stehen. Quer durch Europa erweisen sich Städte wie Berlin, Paris, Göteborg, Helsinki, Barcelona und sogar Milton Keynes schon eher als Spitzenreiter bei „Smart City“- und „Smart Mobility“-Innovationen.

Wenn man nur den Faktor Wachstum isoliert betrachtet, dürfen wir Indien und China natürlich nicht ignorieren. Wir werden gewiss einige asiatische Beispiele in diesem Buch ansprechen, so wie wir auch auf bestimmte amerikanische Beispiele zurückgreifen werden. Unser Fokus ist jedoch eindeutig europäisch. Denn während sich ein Großteil der Welt gerade jetzt rasch urbanisiert und sich nun zunehmend mit den Auswirkungen dieser Entwicklung auseinandersetzt, leben bereits über 75 Prozent der Europäer in Städten, beziehungsweise in Metropolregionen. Paris hat eine Bevölkerungsdichte von 56.000 Menschen pro Quadratmeile (21.500 pro Quadratkilometer), während New York, die am dichtesten besiedelte Stadt der USA, weniger als die Hälfte dieser Bevölkerungsdichte aufweist. Trotz der vielen Hochhäuser Manhattans liegt die weitaus größere New Yorker Metropolregion mit ihrer Bevölkerungsdichte unter der von sogar kleineren europäischen Städten wie Athen, München und Lyon. Das bedeutet, dass Europäer bereits heute schon Meister des Stadtlebens sind. Gerade im Hinblick auf die Nachrüstung von Altinfrastrukturen mit intelligenten Systemen bietet Europa einige der faszinierendsten Fallstudien für intelligente Städte. So kommentiert The Atlantic CityLab:

„Paris und andere europäische Städte entwickelten sich um eine mittelalterliche Transittechnologie herum, als die Fußgängerfreundlichkeit noch hoch im Kurs lag und [der] Wohlstand im urbanen Kern lebte. Städtische Siedlungsmuster der Neuen Welt dagegen wurden weitgehend durch schnelleren Transport geprägt: erst Züge, dann Straßenbahnen und Privatfahrzeuge […] [und führten zu der] autozentrischen Zersiedelung der 50er-Jahre in Amerika. Dagegen wählten europäische Städte, die sich erst nach diesen Transittechnologien entwickelten, typischerweise die altertümliche Dichte […], welche die zentrale Stadtattraktivität für die Einwohner beibehielt.“

Europäer leben in Städten und haben es – anders als die Amerikaner – nicht zugelassen, dass ihre Stadtzentren zerfallen. Diese Städte sind noch weit vor dem automobilen Zeitalter entstanden, um die sich langsam zu Fuß bewegenden Menschen zu beherbergen, und werden heute zunehmend von Fußgängern und Radfahrern zurückerobert. Ob Neue Welt oder Alte Welt, die Qualität einer Stadt ist ein Produkt des Zusammenspiels zwischen Regierung, Unternehmen, Mobilitätsmodi und intelligenten Gemeinden. Diese dienen als Filter, nehmen gut funktionierende Konzepte an und lehnen solche ab, die – wie die Pluto-Laterne – für eine kurze Zeit mit Versprechen blenden, jedoch genauso schnell wieder verschwinden.

Gewinnen Sie eines von 5 signierten Büchern „Intelligente Städte, Intelligente Mobilität“

(ISBN 9781788032780 (engl.), Softcover, 177 Seiten).

Dazu müssen Sie nur eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer vollständigen Postadresse mit dem Stichwort „Mobilitätsrevolution“ an redaktion@etecmag.de senden.

Einsendeschluss ist der 25. Februar 2018.

5 FRAGEN AN …
LUKAS NECKERMANN

Im Prolog Ihres Buchs schreiben Sie u. a. vom Konzept „null Eigentum“, das intelligente Städte ausmache. Wie ist das zu verstehen?

Der Kauf einer Wohnimmobilie oder eines Neuwagens ist immer eine Frage von Prioritäten und von Bindung. Insbesondere in Städten und bei jüngeren Leuten sehen wir einen Trend weg von kapitalbindendem Eigentum und hin zu mehr Flexibilität und Freiheit. Sie schätzen die Möglichkeit, morgen in eine andere Stadt gehen oder ziehen zu können, und die Sicherheit, mobil zu sein, ohne Geld in ein Privatfahrzeug stecken zu müssen. Eigentum ist zunehmend eine Last, von der man sich befreien will. Es ist natürlich die Frage, ob wir dabei ganz bis „null“ kommen wollen oder müssen – aber als Zielsetzung bei der Mobilität ist es doch schon mal interessant, darüber nachzudenken.

In unserer aktuellen Ausgabe bieten wir unseren Lesern erstmals „Augmented Reality“. Wie kann AR auch in Städten zum Einsatz kommen?

Man stelle sich Pokémon vor – aber anstelle eines Pikachus, das am Gehsteig herumtanzt, sieht der User eine Real- Time-Wegbeschreibung von A nach B, einen Preisvergleich beim Wunschobjekt im Laden oder etwa eine historische Beschreibung eines historischen Denkmals in der Stadt. Je einfacher ich navigieren kann, desto mehr Zeit habe ich, um die Stadt zu genießen. Und je mehr Zeit und Information ich über die Stadt erhalte, desto größer wird meine Affinität zur Stadt. Hier kann also Augmented Reality einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, um der Stadt mehr Leidenschaft und mehr Lebensqualität zu verpassen. Lukas Neckermann (42): Gestalter einer besseren Zukunft.

Wie erklären Sie sich, dass Start-Ups mit weitreichenden Lösungen etwa in der Batterietechnik aufwarten, während traditionelle Automobilhersteller anscheinend zögern?

Das Zögern ist ein Symptom, nicht aber die Krankheit selbst. Es ist kein Geheimnis, dass große Tanker eben etwas länger brauchen als ein Speedboat, um zu wenden. Sie sind eben eher Fast-Follower als Innovatoren, und ihr Erfolg basiert oftmals auf langjähriger Stabilität und Beständigkeit. Dennoch wünsche ich mir deutlich mehr strategische und geistige Agilität in der DNA vieler deutscher Unternehmen. Es bedrückt mich, wenn ich immer noch auf Mitarbeiter und Führungskräfte bei deutschen Automobilherstellern treffe, für die Elektromobilität bloß als eine Trenderscheinung gilt. Einige versuchen mit Euro 6, Biodiesel, Erdgas und der technisch interessanten, aber dennoch wirtschaftlich unterlegenen Brennstoffzelle dagegenzuhalten.

Wie werden unsere Städte in fünf Jahren aussehen?

Städte gewinnen an Macht, denn sie tragen mehr und mehr Verantwortung für ihre Bewohner und Stadt-Nutzer. Um der Luftqualität und gesundheitlichen Kriterien Rechnung zu tragen, wird es mit Sicherheit mehr städtische Einfahrtrestriktionen geben. Die Städte werden verstärkt und selbstständig in Elektromobilitäts-Infrastruktur investieren, Bauregeln umgestalten und die Verkehrsinfrastruktur reduzieren – zugunsten der Lebensqualität. Wir werden viel öfter autofreie Tage – oder Wochenenden – in Innenstädten sehen, und der Lieferverkehr wird auf leisere, größenoptimierte elektrische Fahrzeuge umgelagert.

Was tun Sie ganz persönlich dafür, intelligente Mobilität in den Städten voranzutreiben? Was würden Sie unseren Lesern empfehlen?

Ich ermutige jeden Leser, anhand von Citymapper, Google, Moovel oder ähnlichen Plattformen mal eine Woche oder einen Monat lang jede Strecke auf Alternativen zu prüfen. Sie werden überrascht sein, wie viele Strecken innerhalb einer Stadt schneller oder günstiger mit Alternativen zum „Standard Auto“ zu schaffen sind. Seit Jahren besteht meine persönliche urbane Mobilität aus einer Mischung von ÖPNV, Ride-Hailing, Carsharing, Mietwagen und Fahrrad. Darüber hinaus hoffe ich, mit meinen Büchern und Keynote-Speeches gelegentlich einen Gedankenanstoß zu geben.