SEINE EXPERIMENTE WAREN LEGENDÄR UND ROCKTEN NICHT NUR NEW YORK: ER SETZTE SICH EINER SPANNUNG VON BIS ZU 2 MIO. VOLT AUS, LIESS BLITZE UND FLAMMEN AUS SEINEN HÄNDEN FAHREN WIE LORD VOLDEMORT. NIKOLA TESLA WAR DER EXZENTRISCHE ERFINDER, DER DIE WELT DER ELEKTRIZITÄT MIT SEINEN IDEEN VOR MEHR ALS 100 JAHREN KOMPLETT AUF DEN KOPF STELLTE.

Er war stets ein Getriebener. Seine Visionen und Spleens geisterten pausenlos in seinem Kopf herum. Nikola Tesla hatte gerade nach jahrelangem, schäbigem Zweikampf mit seinem Erzrivalen Thomas Alva Edison die Welt vom Wechselstrom überzeugt, da stürzte er sich schon wieder mit Haut und Haaren in sein nächstes Projekt, das sich freilich als eine Nummer zu groß herausstellen sollte. Er träumte von einem weltumspannenden, kabellosen Energie- und Informationsnetz, das alle Menschen versorgte. Und er fand auch privat keine Ruhe. Er betrat kein Gebäude, bevor er nicht dreimal um den Häuserblock gegangen war, wusch sich grundsätzlich dreimal die Hände und orderte 18 Servietten, wenn er in einem Restaurant war. Die Zahl 3 und Zahlen, die durch 3 teilbar waren, gehörten zu seinen vielen Marotten. Er ignorierte Frauen, die Ohrringe oder Perlen trugen, ekelte sich vor Pfirsichen und den Haaren anderer Menschen und berechnete vor jeder Mahlzeit den Kubikraum, den diese in seinem Magen einnehmen würde.

Spätere Elektroautos haben mit Teslas Vorläufermodell nicht mehr viel zu tun – und basieren doch auf seiner Idee.

Am 10. Juli 1856 wird Tesla im kroatischen Dorf Smiljan als Sohn serbischer Eltern geboren. 1875 erhält der damals 19-Jährige ein Stipendium an der Technischen Hochschule in Graz und beginnt gleich wie ein Besessener mit dem Studium. Er belegt viel zu viele Vorlesungen, lernt – wie er später zugibt – mitunter von 3 Uhr morgens bis 11 Uhr abends und schließt im ersten Jahr neun Examina mit Bestnote ab. Diese „Manie“, wie er die Phase im Nachhinein bezeichnet, flaut im zweiten Studienjahr zügig ab. Im dritten Studien­jahr schafft er keine einzige Prüfung mehr und wird sogar exmatrikuliert, da er die Studiengebühren nicht bezahlt hat. In dieser Zeit hat er trotzdem eine schicksalhafte Begegnung. Er stößt über einen Professor auf einen frisch entwickelten Gleichstromgenerator, die sogenannte Gramme-Maschine. Für viele Menschen ist Strom Hexenwerk, von dem sie lieber ihre Finger lassen. Tesla ist jedoch fasziniert. Er ist überzeugt, dass dies die Zukunft und seine Bestimmung ist und vor allem noch viel besser gemacht werden kann: mit Wechselstrom.

Chronisch pleite als Billardspieler

Er hat mit einem Blick erkannt, dass die Gramme-Maschine ein maßloser Energieverschwender ist. Gleichstromgeneratoren erzeugen Strom durch einen fest montierten Magneten und eine im Geräteinneren rotierende Spule. Über Kontakte, die an der Spule entlangschleifen, wird der Strom abgenommen; dabei fliegen Unmengen an Funken. Obwohl sein Professor ihm an der Uni geraten hat, die Finger davon zu lassen, tüftelt Tesla im Geiste unermüdlich an einem Wechselstromgenerator. Bis dieser umgesetzt werden kann, soll es allerdings noch Jahre dauern. In dieser Zeit schlägt er sich mehr schlecht als recht als Karten- und Billardspieler sowie mit verschiedenen Jobs durch und ist chronisch pleite. 1882 findet er eine Anstellung als Telegrafenamtstechniker in Budapest. Eines Abends macht er einen Spaziergang durch den Budapester Park, als es ihn plötzlich, wie er später symbolträchtig und publikumswirksam behaupten wird, trifft „wie ein Blitz“. Die Lösung ist da, in seinem Kopf. Der Magnet im Zentrum müsse sich ­drehen und so in den äußeren Spulen Strom produzieren. Die lästigen Kontakte, die beim Abnehmen des Stroms ohnehin nur Funken sprühen, wären damit überflüssig; ein Großteil des Stroms ginge nicht direkt vor Ort verloren. Wechselstrom, da ist sich Tesla hundertprozentig sicher, kann praktisch ohne Verluste über Hunderte von Kilometern durch die Kabel transportiert werden und so ganze Städte versorgen.

Tesla experimentierte regelmäßig vor seinen Anhängern mit Strom, Licht und Blitzen.

1884 macht er sich mit seiner Idee auf nach New York. Hier will er bei dem berühmten Thomas Alva Edison anheuern – nicht ahnend, dass er damit in einen Stromkrieg gerät. Edison versucht, Tesla übers Ohr zu hauen, und plant gleichzeitig, überall in der Stadt Gleichstromgeneratoren aufzuziehen. Er wittert ein Millionengeschäft, das ihm mit Teslas neumodischer Erfindung durch die Lappen zu gehen droht. Tesla arbeitet daraufhin für George Westinghouse, der seine Patente kurz entschlossen gekauft hat. Dieser baut daraufhin in den 1890er-Jahren vor den Toren der Stadt Kraftwerke, nutzt dünnere Kupferkabel und senkt die Kosten so massiv, dass er den Strom schon bald billiger verkaufen kann als Edison. Edison greift nun zu schmutzigen Mitteln: Er sammelt „angebliche“ Informationen über Unfälle mit Wechselstrom und inszeniert selbst welche, indem er Hunde und Katzen auf Metallplatten schnallt und mit Strom­stößen tötet. Vergeblich. Tesla lässt sich nicht erschüttern, beginnt mit seinen eigenen, spektakulären Vorführungen. Auch er jagt Wechselstrom durch seinen Körper – ihm wird allerdings kein Haar gekrümmt. Das Geheimnis, das Edison freilich noch nicht kennt, ist der Skin-Effekt: Die Spannungen wandern dabei nur äußerlich am Körper entlang, das Innere bleibt unversehrt. So lässt Tesla in den folgenden Jahren auch Feuerbälle über seinen Körper rollen oder Glasröhren nur durch seine Hand aufleuchten. Edison ist vorerst besiegt.

Das Ende seines monetären Mangels

Mit einem Schlag wären auch alle finanziellen Probleme Teslas aus der Welt. Laut Vertrag mit Westinghouse hätte er für jede einzelne Anwendung der Wechselstrompatente Gebühren bezogen. Ab 1896 wird weltweit praktisch nur noch Wechselstrom genutzt, und Tesla wäre zweifellos Millionär. Aber Geld interessiert ihn nicht. Er lässt sich von Westinghouse beschwatzen, seinen Vertrag zu ändern, und mit einer einmaligen Pauschale von 216.000 US-Dollar abspeisen. Im Geiste ist er ohnehin schon wieder woanders. 1898 entwickelt er die erste Fernbedienung, 1899 versucht er erstmals, Radiowellen aus seinem Labor in der Nähe von ­Colorado Springs über eine Distanz von 1.000 Kilometern zu übertragen. Seine Versuche haben mitunter katastrophale Auswirkungen: Tesla hat einen 50 Meter hohen Eisenmast aufgebaut, der künstliche und natürliche Blitzentladungen einfangen soll. Die Stromleistung, die dabei entsteht, hat er jedoch nicht im Griff. Im Oktober 1899 brennt der städtische Generator durch, und Colorado Springs steht tagelang ohne Strom da.

Tesla stört das nicht weiter. Sein Ziel ist nun ein globales Netz zur kabellosen Energie- und Nachrichtenübertragung. Er überzeugt den Milliardär J. P. Morgan, ihm 150.000 US-Dollar zur Verfügung zu stellen. Damit will er auf Long Island einen Turm bauen, den „Wardenclyffe Tower“, der über die Frequenzen der Atmosphäre Daten und Energie zur Verfügung stellen soll. Der Widerstand ist gewaltig, diesmal hat er nicht nur Edison, sondern die ganze Stromindustrie gegen sich: Mit Strom lassen sich Unmengen an Geld verdienen. Die Konzernbetreiber würden es niemals zulassen, dass jeder sich selbst seine Energie abzapfen könnte. Es kommt, wie es kommen muss: Der Turm wird niemals fertiggestellt, J. P. Morgan springt ab – und Tesla erleidet einen Nervenzusammenbruch. Wieder einmal ist er bankrott, kann nicht einmal mehr seine Mitarbeiter bezahlen. In den folgenden Jahren zieht er sich zunehmend zurück, experimentiert an sich mit Elektroschock-Therapieverfahren und lebt auf Kredit in wechselnden New Yorker Hotels. 1934 zieht er in das Hotel New Yorker. Am 7. Januar 1943 wird er hier, im Alter von 86 Jahren, tot ­aufgefunden. Sein Zimmer war im 33. Stock und trug die Nummer 3327 – teilbar durch 3.

WECHSELSTROM

Der Gleichstrom war vor allem eins: Energieverschwendung
par excellence. Durch die hohen Energieverluste
am Generator ließ er sich nur über kurze Distanzen
transportieren. Tesla entwickelte den Wechselstrom, der
bis heute in sämtlichen Stromleitungen genutzt wird.

RADIO

Klar, der Name Guglielmo Marconi fällt einem zuerst ein. Dieser gilt als der offizielle Erfinder des Radios. Aber der Oberste Gerichtshof der USA kippte – zunächst – dessen Patent und sprach es 1893 Tesla zu, der schon einige Jahre vor Marconi das Radio entwickelt hatte. 1897 nahm es die Entscheidung wieder zurück, vermutlich weil Marconi prominente Fürsprecher wie Thomas Alva Edison und Andrew Carnegie hatte.

RÖNTGEN

Auch hier war Tesla wohl einen Hauch schneller als Wilhelm Conrad Röntgen, der seine ersten Beobachtungen 1895 dokumentierte. Tesla hatte bereits ab 1887 mit Kathodenstrahlröhren experimentiert und dabei Röntgenstrahlung erzeugt, seine Ergebnisse aber nicht veröffentlicht. Andere Wissenschaftler erzielten ähnliche Ergebnisse, waren sich aber über ihre Bedeutung nicht im Klaren, weswegen Röntgen 1901 den ersten Nobelpreis für Physik erhielt.

Tesla experimentierte regelmäßig vor seinen Anhängern mit Strom, Licht und Blitzen.

FERNBEDIENUNG

Im Jahr 1898 steuerte Tesla das erste Modellboot mit einer Fernbedienung – und meldete Patent Nummer 613809 an.

ELEKTROMOTOR

Tesla war auf der Suche nach einer Alternative zum Öl und baute ein Fahrzeug der Marke Pierce-Arrow so um, dass es ohne Energiespeicher funktionierte – eine Idee, die sich mit den ersten Elektroautos erst viele Jahre später durchsetzen sollte.

Text: Julia Schay-Beneke