Wo steht die Elektromobilität eigentlich in Deutschland, wie sieht die Förderung aus, und was ist das Geheimnis, das Menschen bewegt, von ihrem Diesel auf ein Elektroauto umzusteigen? Und ab wann können wir mit den ersten komplett autonomen Fahrzeugen rechnen? Darüber haben wir mit Isabell Knüttgen gesprochen, Pressesprecherin bei e-mobil BW, der Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie Baden-Württemberg.

Baden-Württemberg ist Automobilland Nummer eins. Wie sehen hier Hersteller die Elektromobilität – als Gefahr oder als Chance?

Als das Thema vor rund sieben Jahren immer stärker aufkam, haben wir zunächst eine gewisse Skepsis festgestellt. Wir haben viele relevante Akteure aus der Automobilwirtschaft in unserem Netzwerk, die diese Entwicklung inzwischen positiv beurteilen, sie als Chance begreifen und das Thema engagiert und mutig angehen. Mit dem von uns gemanagten „Cluster Elektromobilität Süd-West“ unterstützen wir sie dabei, einen intelligenten Einstieg zu finden. Viele Zulieferer nutzen ihre Chance und erfinden sich manchmal ganz neu. Auf der IAA 2017 konnten wir zum Beispiel den Stuttgarter Zulieferer Mahle mit einem hocheffizienten 48-Volt-Prototypen für die urbane Mobilität bestaunen.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Wie sieht die Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland aus?

Der Markthochlauf hat sich schleppender entwickelt, als wir erwartet hatten. Doch es hat sich extrem viel getan. Gerade in Baden-Württemberg wird sehr viel geforscht, und durch verschiedene Forschungsprojekte zur Industrialisierung können die Kosten in der Elektromobilität gesenkt werden. Sicher, der internationale Markt entwickelt sich rasant. Doch die Sorge, die wir noch vor sechs, sieben Jahren hatten, das Thema nämlich zu verschlafen und den Anschluss komplett zu verlieren, hat sich nicht bestätigt.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Wo besteht der größte Nachholbedarf?

Wir begreifen Elektromobilität als Ökosystem. Es hilft uns nicht, nur das Fahrzeug im Blick zu haben. Wir benötigen unter anderem auch intelligente Ladekonzepte, damit es nicht zum berüchtigten „Zahnarztstraßen-Szenario“ kommt: Die wohlhabenden Mediziner laden alle zur gleichen Zeit abends gegen 19 Uhr ihren Elektroschlitten und legen damit die Stromversorgung des ganzen Viertels lahm. Was wir also brauchen, ist eine ganzheitliche Sichtweise. Gerade weil die Autoindustrie mit der Elektrifizierung, Digitalisierung und dem autonomen Fahren den wohl tiefsten Umbruch ihrer Geschichte erlebt, hat die Landesregierung den Strategiedialog Automobilwirtschaft angestoßen. Die Herausforderungen sind so groß und komplex, dass es den engen Schulterschluss von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitnehmerverbänden, Verbraucherorganisationen, Umweltverbänden und Zivilgesellschaft braucht. Dieser Strategiedialog ist ein völlig neues Format der institutionalisierten Zusammenarbeit. Ermöglicht werden sollen so schnelle und kurze Entscheidungswege. Eine Projektidee ist beispielsweise der Aufbau eines Zentrums für digitalisierte Batteriezellenproduktion.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Wie stehen die Gemeinden zum Thema Elektromobilität?

Unserer Erfahrung nach sind die Kommunen sehr aufgeschlossen. Sie pushen dieses Thema, um die Lebensqualität ihrer Bürger zu steigern. Viele Gemeinden probieren auch gern aus – zum Beispiel wenn es um elektromobile Paketservices oder den Aufbau von Lade-Infrastruktur geht, um ein elektromobiles Ökosystem intelligent zu schaffen und bedarfsgerecht auszubauen. Insbesondere Städte, in denen Fahrverbote drohen, setzen häufig auf elektrisches Carsharing. Hier stellen sich Fragen wie: Wo müssen sinnvollerweise Ladesäulen angebracht werden? Wie lange werden sie belegt, und wie hoch wird die Zahl der Nutzer sein? Wir haben dazu einen Spezialisten für kommunale Strategien und Projekte, der sich genau um diese Fragen kümmert.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Wird Carsharing die Zukunft sein?

Wir beobachten diesen Trend und haben dazu auch mehrere Studien veröffentlicht. Nicht allein Carsharing ist die Zukunft, sondern die Kombination emissionsfreier, vernetzter und zunehmend automatisierter Fahrzeuge in einem intermodalen Mobilitätssystem, das dem Nutzer Zeit spart und ihm schnelle und komfortable Mobilität ermöglicht. Denn in Zukunft werden wir mit zunehmender Urbanisierung und knappem Parkraum konfrontiert sein. Damit wird das Nutzerverhalten intermodaler: Menschen werden Wegstrecken viel öfter mit Share-Flotten zurücklegen, aber auch mit der Bahn und dem Nahverkehr. Die Bereitschaft zu einer ökologischeren Fortbewegung nimmt zu. Nutzer werden verstärkt auf Carsharing-Angebote zugreifen. Damit einher gehen auch das Thema „autonomes Fahren“ und der Einsatz autonom fahrender Roboter-Taxis.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Auf welchem Stand sehen Sie die Entwicklung beim autonomen Fahren?

In etwa zehn Jahren kann die Technik bereits so weit entwickelt sein, dass autonomes Fahren Realität wird. Aktuell passiert sehr viel. In Baden-Württemberg gibt es beispielsweise das Testfeld Autonomes Fahren. Hier können zukünftig Firmen und Forschungseinrichtungen zukunftsorientierte Technologien und Dienstleistungen rund um das vernetzte und automatisierte Fahren im alltäglichen Straßenverkehr erproben, etwa automatisiertes Fahren von Autos, Bussen oder Nutzfahrzeugen wie Straßenreinigung oder Zustelldiensten. Noch hängt es an der Sicherheit. Aktuell geht es mit großer Geschwindigkeit daran, die Fahrzeuge miteinander und mit ihrer Umgebung zu verbinden. Elektromobilität ist ein entscheidender Treiber. Der Vernetzung der Fahrzeuge kommt eine große Rolle zu, sei es bei der Parkplatzsuche, bei den Ladevorgängen, beim Carsharing oder beim teilautomatisierten Fahren. Bereits heute sind sehr viele Fahrzeuge mit autonomen Fahrerassistenzsystemen ausgerüstet, denken Sie nur an Spurhalteassistenten, automatische Geschwindigkeitsregelanlagen oder das Platooning-Verfahren, bei dem schwere Fahrzeuge wie mit einem unsichtbaren Seil gekoppelt fahren. Darüber hinaus sind erste Fahrzeuge mit sogenannten hochautomatisierten Funktionen für die nächsten Jahre angekündigt. Diese Systeme erlauben eine zeitweise Überlassung der Fahraufgabe an das Fahrzeug. Der Mensch kann das Steuer aus der Hand geben. Damit ergeben sich neben technologischen Hürden auch rechtliche Fragen: Wer haftet bei einem Unfall durch das automatisierte Fahrzeug? Im Moment sagt die Gesetzgebung: Der Fahrer trägt die letzte Verantwortung. Damit wird sich aber die Politik auf Bundesebene beschäftigen müssen.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Fahren Sie und Ihre Kollegen eigentlich elektrisch?

Selbstverständlich. In unserem Portfolio hatten oder haben wir Fahrzeuge verschiedener Hersteller – vom Elektro-Smart über den BMW i3 bis zur B-Klasse mit Brennstoffzelle von Mercedes-Benz. Dazu kommen Dienstwagen mit Hybridantrieb.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Wie sehr lassen sich die Menschen für Elektromobilität begeistern?

Um sich für Elektromobilität zu entscheiden, muss man sie erleben. Der Lifestyle ist ganz wichtig. Zum Ökosystem Elektromobilität gehört schließlich auch der Nutzer. In dem groß angelegten Forschungsprogramm „Schaufenster Elektromobilität“ haben wir die Anwendung im Alltag für die Bevölkerung sichtbar gemacht und gezeigt, dass die Technologie alltagstauglich ist. Damit wir potenzielle Nutzer begeistern können, müssen sie die Vor- und die Nachteile dieser Technologie kennenlernen. Die Begeisterung hängt auch sehr stark vom Ausbau des elektromobilen Ökosystems ab. Habe ich die Möglichkeit, mein Fahrzeug zu parken? Wie sieht die Infrastruktur aus? Unterstützt mich mein Arbeitgeber mit einer Lademöglichkeit? Stimmen die Rahmenbedingungen, ist die Euphorie groß. Grundsätzlich sehen wir in der Bevölkerung eine große Offenheit und Begeisterung. Jedoch muss das Angebot weiter ausgebaut werden, weil es nicht alle Zielgruppen gleichermaßen anspricht. Familien, die einen großen Kofferraum benötigen oder Kindersitze einbauen wollen, haben es noch schwer, Nutzer eines Zweitwagens dagegen nicht. Elektromobilität gelingt nur dann, wenn sich die Technologie den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend entwickelt.

Isabell Knüttgen, Pressesprecherin bei e-mobil BW

Interview: Klaus Schöffler