„ELASTENRÄDER SIND GERADE IN DEN INNENSTÄDTEN AUF DER LETZTEN MEILE EINE ECHTE ALTERNATIVE ZU KLEINTRANSPORTERN, DIE DIE LUFT VERPESTEN UND DIE STRASSE BLOCKIEREN“ MIT DIESEN WORTEN ERÖFFNETE BADEN-WÜRTTEMBERGS VERKEHRSMINISTER WINFRIED HERMANN IM APRIL DEN 5. NATIONALEN RADVERKEHRSKONGRESS IN MANNHEIM. DER E-MULI IST EIN SOLCHES.

Den Dimensionsvergleich mit einem „normalen“ Stadt-Cruiser muss das e-muli wirklich nicht scheuen: Unter 2 Meter lang, misst dieser Lastendrahtesel höchstens 5 Zentimeter mehr. Er passt sogar auf einen handelsüblichen Heckgepäckträger! Zumindest, wenn dieser 24 Kilogramm wuchten kann, beziehungsweise gut 27 bei der Variante mit Elektromotor (der Akku reist dann innen im Fahrzeug). Dies funktioniert nur, weil der aus Alu-Lochblech gefertigte Lastenkorb zusam-mengeklappt von 60 auf 28 Zentimeter Breite schrumpft. Entfaltet er sich, fasst er 90 Liter und trägt 70 Kilogramm. Auch im geschlossenen Zustand finden noch Taschen, Pakete oder Blumensträuße darin Platz. Und dann dreht das e-muli mindestens genau so elegant und wendig wie jedes City-Bike durch enge Kurven.

Rad für alle Zwecke

Das Hirn, welches die bislang einzigartige Konstruktion ersann, besteht aus zwei Hälften. Brüderlich geteilt. Mountainbike-Freak Jonas Gerhardt, ausgebildet als Industriemechaniker und examinierter Techniker, lebt in Hessen. Sein Bruder Sören lebt in Hamburg, profitiert als Designer von künstlerisch-systematischer Problemlösungsstruktur, muss – autolos – ständig Kinder und Einkäufe mit dem Rad durch die Großstadt kutschieren. Eine perfekte Melange, um das Produkt Lastenrad neu zu durchdenken. Sören Gerhardt beschreibt, wie sich die beiden der Vision annäherten, ein für jeden Zweck taugliches, schnelles und flexibles Rad zu erfinden: „Wir sind die Entwicklung von der Nutzung herangegangen, vom Alltag, in dem es gebraucht wird. Ohne uns von technischen Gepflogenheiten einschränken zu lassen.“

So bringt das Duo Barrieren für die Anschaffung eines Radtransporters zum Einstürzen, wie z. B.: Wo stelle ich das Vehikel nur ab? Oder: Das bekomme ich doch niemals in meinen Keller! Und bringt so einen Beitrag zum umweltfreundlichen und zukunftsfähigen Transportwesen in unseren Metropolen. Denn Verkehrsplaner von Städten und Bundesländern möchten Elektromobilität im Lieferverkehr verstärkt ausbauen. Das baden-württembergische Verkehrsministerium will, dass in Großstädten bis 2020 auf 5 Prozent aller Lieferfahrten Fahrräder und Cargobikes rollen. Um dieses Ziel zu erreichen, lässt die Landesregierung künftig bis zu 2.000 Euro Förderung pro neuem eLastenrad springen. Unterstützt werden Unternehmen, Körperschaften und gemeinnützige Organisationen. Die Stadt München geht seit Jahresbeginn sogar noch einen Schritt weiter: Auch Privatpersonen winkt der 2016 eingeführte Zuschuss von bis zu 1.000 Euro für ein neu angeschafftes Lasten-Pedelec. Mit weiteren Boni für nachweisliches Betanken mit Ökostrom und Verschrotten des eigenen alten „Stinke-Autos“ kann die Zulage gar auf 2.500 Euro steigen.

Lastenesel, eBike und Kompaktrad

Im Optimalfall sinkt so bei einem Münchener der Eigenanteil des Kaufpreises von 3.590 Euro für ein e-muli auf weniger als ein Drittel! Allein für den nachrüstbaren Tretlagermotor von Pendix, der den meisten rein mit Muskelkraft betriebenen Rädern mit 250 Watt Rückenwind aus der Steckdose pusten kann, müsste man da schon mehr auf den Tisch blättern. Auf Höhe des Trinkflaschenhalters sitzt der Akku am Lenkrohr und erinnert an eine Thermoskanne. Gerhardt lobt das schlanke, reduzierte Design.

Pendix verzichtet auf ein anfälliges Display und störende Kabel am Lenker. Der Drehregler am Kopf des Akkus steuert die drei Fahrstufen an. Ein von Grün über Gelb auf Rot wechselnder Farbkreis am oberen Rand zeigt, wie viel Power noch im Akku steckt. Im niedrigsten Modus soll eine Ladung 105 Kilometer weit anschieben, im höchsten 50. Zum Aufladen nimmt der Fahrer den Akku einfach ab und steckt ihn zum Laden auf die mitgelieferte Station, die der Heizscheibe eines Wasserkochers ähnelt. Dennoch: Unterwegs kann der Stromspeicher getrost am Fahrrad bleiben, denn durch die ausziehbare Öse lässt sich ein Fahrradschloss stecken.

Den zugekauften Motor labelt ebenso ein „Made in Germany“ wie das e-muli selbst. „Da haben wir sehr drauf geachtet“, verkündet Sören Gerhardt und betont:
„Wir wollten das gesamte Geschäftsmodell möglichst nachhaltig konzipieren.“ Die Stahlrohre für die Rahmen liefern deutsche Firmen, ein hiesiger Schweißer bringt sie mit entsprechender Rahmenlehre in Form, bevor in Brandenburg eine Schicht Pulverlack darauf landet. Auch Sattel, Schutzbleche und Lenker stammen aus Deutschland. Bei den hydraulischen Scheibenbremsen und der Alfine 8-Gang-Schaltung kamen sie allerdings schlecht an Shimano und Asien vorbei. „Gute Qualität zum soliden Preis“, lautet das Credo für die Auswahl der Zutaten.

Die Liebe zum Detail schlägt sich in Konstruktionen wie dem gefederten Schnappverschluss nieder: Durch Ziehen an einem kleinen Griff unterhalb des höhenverstellbaren Lenkers springt – tatatataa – der Korb auf. Innen sorgen kleine Auflageflächen dafür, dass Euroboxen von 40 × 60 Zentimetern transportiert werden. Beim Kindersitz zum Einhängen in beide Fahrtrichtungen hatte Sören Gerhardt nicht nur eine Kopflehne im Blick. Er wollte, dass die Popos auf schwingendem Grund Platz nehmen, um die weichen Wirbelsäulen der Kinder bei Stößen durch Straßenpflaster und andere Unebenheiten möglichst zu schonen.

Bewegter Markt

Etwa zwei Jahre brüteten und tüftelten die Brüder, um solch alltagstaugliche Lösungen zu kreieren, die ein Rad für alle Zwecke bieten muss. Ende 2016 gründeten sie muli-cycles, 2017 stellten sie sich per Crowdfunding-Kampagne dem finanziellen Urteil der Schwarm-Öffentlichkeit. „Ich hab schon geglaubt, dass es klappt. Aber nicht, dass das Doppelte reinkommt“, bilanziert Sören Gerhardt bescheiden überrascht. Auch von etablierten Mitbewerbern hörten die Brüder auf Messen viel Lob. Schließlich gibt es im boomenden Segment der Lasten-Pedelecs bereits eingefleischte Größen mit unterschiedlichsten Bauformen. Meist aus den Niederlanden wie Bakfiets und Urban Arrow. Christiania bikes bietet dänisches Design. Doch Deutschland holt auf. Noch ein neuer Ansatz kommt aus Hamburg: Nüwiel (www.nuwiel.de) hat einen selbst fahrenden eAnhänger entwickelt, der bergab bremst und bergauf Gas gibt. Transportprofis sollen ihn noch dieses Jahr beladen, Privatleute müssen sich noch zwei Jahre gedulden.
Doch es gibt ja genügend Möglichkeiten, schon jetzt absolut schweißfrei mit Grill, Kohle und Bierkiste im Radgepäck am schönsten Picknickplatz der Stadt aufzufahren, egal, wie weit es dorthin ist. Fehlt nur noch – richtig – der Sommer!

eLastenrad-Sharing

In Hannover verleiht Hannah, ein Projekt vom ADFC und Velogold, kostenfrei Lastenfahrräder an wechselnden Standorten, darunter auch einige mit eMotor: www.hannah-lastenrad.de

Solche Lastenrad-Sharingsysteme gibt es in mehreren deutschsprachigen Städten. www.cargobike.jetzt/sharing-angebote bündelt die Links. Bestimmt stoßen immer mehr eModelle hinzu. Ähnlich: www.velogistics.net; dort werden die Standorte jedoch auf eine Karte gepinnt. Fortschrittlich (oder faul?) wie die Schweizer sind, setzen die Eidgenossen mit öffentlicher und unternehmerischer Unterstützung gleich auf eAntrieb: www.carvelo2go.ch Über Listnride leihen und verleihen auch Privatpersonen ihre Räder. Auf der Sharing-Plattform finden sich vereinzelt auch eLastenräder, zum Beispiel ein e-muli im e-freundlichen München: www.listnride.com

Vom 11. bis 13. Juni findet bei den niederländischen Nachbarn nahe Nijmegen das Internationale Cargo Bike Festival statt: www.cargobikefestival.com Joint – ääh – join it!

Text + Bild: Beate Wand