Skandale wie „Dieselgate“ beherrschen noch längst nicht die Schlagzeilen, als ein Dorf in Österreich einen neuen weg wagte: um wanderfreudige, skibegeisterte oder einfach Erholung suchende Gäste an sich zu binden, setzt Werfenweng auf Elektrofahrzeuge aller Art.

Die Hand zittert. Dann lässt sie los. Der schwarze Autoschlüssel plumpst in den Umschlag. Tourismusdirektor Kiechl persönlich schreibt den Namen drauf und stellt ihn zu den anderen in den Karton, den er gleich wieder im Safe einschließt. Zwei Tage Entzug. Erst bei meiner Abreise wird der Schlüssel den Verbrennungsmotor wieder zünden. Nur noch kurz wird der Pkw dann Abgase in die Pongauer Gemeinde Werfenweng blasen, bis er die Asphaltstraße zur Tauern Autobahn SalzburgVillach hinunterwedelt und das Hochtal im Tennengebirge wieder seiner klaren Bergluft auf 900 Meter Höhe überlässt.

Enthasten in Werfenweng: In den Fahrzeugen der smile-E-Gemeindeflotte rollen Inhaber der samo-Card kostenlos, leise und abgasfrei durch das Salzburger Land.

Enthasten in Werfenweng: In den Fahrzeugen der smile-E-Gemeindeflotte rollen Inhaber der samo-Card kostenlos, leise und abgasfrei durch das Salzburger Land.

Um Entzugserscheinungen abzumildern oder gar in Glücksgefühle zu verwandeln, stellt Österreichs Modellort für sanfte Mobilität, kurz: „samo“, als Ersatzdroge die samo-Card gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro aus. Denen, die ihren Autoschlüssel abliefern, ebenso wie denen, die mit der Bahn anreisen. Ein Kleinbus shuttelt samoGäste im Zweistundentakt kostenlos vom Bahnhof Bischofshofen bis vor die Tür ihres Feriendomizils. Bernd Kiechl reicht mir das bunte Plastikkärtchen. Darauf stehen alle wichtigen Telefonnummern. Weil es draußen schüttet, rufe ich gleich Elois an, den „privaten Chauffeur“ aller samo-CardInhaber.

Bürgermeister und Alpine-Pearls-Begründer Dr. Peter Brandauer (57) fährt ein Twike (www.alpine-pearls.com).

Bürgermeister und Alpine-Pearls-Begründer Dr. Peter Brandauer (57) fährt ein Twike (www.alpine-pearls.com).

samo-Card gegen den Entzug

Der noch junge Kiechl berichtet, wie Ende der 1990erJahre die Übernachtungszahlen einbrachen. Da beschloss der Ort unter dem visionären Bürgermeister Dr. Peter Brandauer (vor dessen Amtssitz ein Twike parkt), neue Angebote zu schaffen, die Urlauber wie Einheimische dazu bringen sollten, sich umweltschonend fortzubewegen. Damals ein mutiger Schritt, der heute nur allzu plausibel erscheint. 20 Jahre Erfahrung stecken nun schon im ausgeklügelten Mobilitätskonzept, von dem sich mittlerweile viele andere Destinationen eine Scheibe abschneiden möchten. „Es ist ein Weg der 1.000 kleinen Schritte, und wir stecken immer noch mittendrin“, beurteilt der Tourismusdirektor das Projekt, „doch uns spielen die Trends in die Hände.“ Die Zahl der Nächtigungen spricht für den Erfolg des samoKonzepts: Sie sprang nach den ersten Jahren von 160.000 auf um die 200.000, seit 2012 klettert sie weiter auf aktuell 275.000. Etwa gleichmäßig verteilt auf Sommer und Winter.

Sanft von A nach B

Zweckmobilität. So heißt die eine Säule des samoKonzepts. Neben Elois, dem elektrischen AnrufTaxi für Fahrten innerhalb der Gemeinde, gehören dazu das Werfenweng-Shuttle, das die Gäste vom Bahnhof abholt, und das Nachtmobil, das Nachtschwärmer sicher nach Hause bringt. Alois Lottermoser koordiniert die Einsätze dieser Fahrzeuge für zweckgebundene Fahrten. Seit er selbst Elois gefahren ist, haben es ihm das lautlose, stufenlose Fahren und die einfache Bedienung angetan. Er sattelte auch privat auf einen VW e-Golf um. „Viel entspannter“, findet der ruhig wirkende Mann mit grauen Haaren und blitzenden Augen. „Wir leisten Präventionsarbeit“, argumentiert er weiter, „wenn wir mehr Einwohner und Gäste dazu bekommen, sich verträglich fortzubewegen, dann leben wir auch in 20 Jahren noch in einem Ort, wo man die frische Luft genießen kann.“ Schließlich reisen nicht nur mehr Gäste an. Auch Werfenweng wuchs in der vergangenen Dekade von 800 auf 1.000 Einwohner.

Spaßmobilität: samo-Card-Inhaber können verschiedenste elektrische Kleinfahrzeuge kostenfrei ausprobieren.

Spaßmobilität: samo-Card-Inhaber können verschiedenste elektrische Kleinfahrzeuge kostenfrei ausprobieren.

Nach den versprochenen zehn Minuten rollt Elois, ein Mercedes Vito E-Cell, kaum hörbar vor den Eingang. Der freundliche Fahrer Wolfgang Wagner öffnet uns die Schiebetür. Wir zeigen unsere samo-Card vor, steigen ein und werden kostenlos zu unserer samoGastgeberin kutschiert. Länger als 30 Minuten müsse eigentlich nie jemand warten, erzählt Wagner unterwegs. Sein entferntestes Ziel liegt mit dem „Almstüberl zan Hascht“ zehn Minuten Fahrtzeit vom Ortskern entfernt. Viele reservieren nach dem Tisch gleich den Elois. „Dann bin ich mal 20 Minuten unterwegs“, schildert der Werfenwenger, „doch meist bin ich zehn Minuten nach dem Anruf da.“ Frühmorgens und mittags fährt er die Werfenwenger Schulkinder. Im Winter sitzt er nur wenn nötig in einem Dieselallrad. Elektrische Allradfahrzeuge gebe es noch nicht, vier Antriebe fräßen zu viel Strom, begründet er: „Da bist nach 20 Kilometern fertig!

Erleuchtung: Dank Photovoltaik scheint die Sonne auch nachts.

Erleuchtung: Dank Photovoltaik scheint die Sonne auch nachts.

Die Zukunft der eMobilität steht und fällt in Lottermosers Augen mit der Ladeinfrastruktur. Er selbst betreibt daheim eine Photovoltaik-Anlage. 100 Kilometer kosten ihn etwa 2,20 Euro. In Werfenweng erhellen 54 Solar-Straßenleuchten die Wege und die Elektro-Flotte smile-E saugt ihren Strom an der Solar-Tankstelle beim Dorfplatz. 25 Solarmodule erzeugen dort im Schnitt 2.500 Kilowatt im Jahr. Drei dieser Module füttern die dicken Säulen unter ihnen, die im Dunkeln gelb, orange und rot erglühen.

Im Dunkeln leuchten die Solarsäulen am Dorfplatz.

Im Dunkeln leuchten die Solarsäulen am Dorfplatz.

Einfach ausprobieren

Die Läden der Verleih-Hütte auf dem autofreien Platz sind zugeklappt. Matthias Mayerhofer schüttelt die Regentropfen von der Kette, an der unter einem Dach ein Sammelsurium kurioser Fahrzeuge liegt: ein knallrotes, streitwagenähnliches Biga, geländegängige Tretroller mit eMotor, vierrädrige Jetflyer in Quietschgrün, gedrosselte Golf-Caddys, Segways, eRoller und ein überdachtes Velo-Taxi. „Im August wuselt es hier nur so“, versichert Mayerhofer, der für die zweite samo- Säule, die Spaßmobilität, stets nach robusten, am besten familientauglichen Elektrokleinfahrzeugen sucht. Bei trockenem Wetter können samo-Card-Inhaber die Vehikel dieses Funparks von Mai bis Oktober kostenfrei ausprobieren.

Ein paar Schritte weiter tankt ein Smart electric. Zur grünbunt beklebten eFlotte Werfenwengs gehören außerdem fünf Renault ZOE (Reichweite ca. 120 km, im Winter 90 km, fünf Personen) und seit Juli auch fünf BMW i3 (Reichweite ca. 200 km, im Winter 160 km, vier Personen). „Die BMW sind oft sogar zweimal pro Tag gebucht“, hebt Mayerhofer hervor, der die Flotte managt und sich um die Abrechnungen kümmert. Mit der samo-Card darf man sogar einmal pro Woche ein Auto reservieren, weitere Male dann auf „Stand-by“ leihen, also wenn gerade eines frei ist. Ebenfalls kostenlos!

Die Caruso-Carsharing-Chipkarte öffnet einen der BMWs. Einsteigen, Start/Stop-Knopf drücken, Hebel auf D stellen, Fuß von der Bremse aufs Gas, und schon surren wir mit smile-E Nr. 4 kaum hörbar und sachte los. Im Handschuhfach liegt eine ständig von Mayerhofer persönlich aktualisierte Liste mit Ladestationen. Eines von vielen mühevollen Details, die hinter samo stecken. Mayerhofer winkt ab und fügt lachend hinzu: „Wir wollen schließlich, dass der Gast auch wieder zurückkommt!

Vom Bett in den BMW: Aus den samo- Partnerbetrieben fließen pro Nacht und Person 1,40 Euro in die samo-Kasse.

Vom Bett in den BMW: Aus den samo-Partnerbetrieben fließen pro Nacht und Person 1,40 Euro in die samo-Kasse.

Text & Fotos: Beate Wand