Der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin hat Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Pionieren der deutschen Luftfahrt Geschichte geschrieben. Heute ist das Flugfeld eine beliebte Freizeitanlage für die Bewohner der Hauptstadt. Hier entspannen sie auf 300 Hektar Fläche beim Skaten und Spazierengehen, beim Drachensteigen oder Picknick. Nur das 50 Hektar kleine Vorfeld ist am 10. und 11. Juni 2017 gesperrt. An diesem sonnigen Wochenende liefern sich die Formel-E-Boliden zwei Rennen, bei denen es um Zehntelsekunden, kluges Energiemanagement und überlegene Fahrweise geht. Als Leitmetropole der Elektromobilität heißt die Hauptstadt das Rennen der vollelektrischen Motorsportserie Formel E zum dritten Mal in Folge willkommen.

Neue Formel E-Rennstrecke in Berlin

Auf einem völlig neu konzipierten Rundkurs brettern die Formel-E-Boliden über die Betonplatten. Zehn Kurven müssen die Rennfahrer auf der knapp über zwei Kilometer langen Strecke beherrschen. Hier heißt es: Runter vom Gas und trotzdem zügig durchziehen, um zu siegen – aber bloß nicht übersteuern. Wie schwierig das ist, zeigen die ersten Trainingsrunden, die schon ab acht Uhr stattfinden. Der lange Radstand und die 200 Kilogramm schwere Batterie im hinteren Fahrzeugbereich lassen das Heck gerne ausbrechen. Die Reifen hoppeln über Betonplatten, anstatt über Asphalt zu gleiten. Die erste Kurve mit 270 Grad hat es besonders in sich. Daniel Abt vom Rennstall ABT dampft mit qualmenden Reifen um die Kurve, dicht gefolgt von Teamkollege Lucas di Grassi. Erst nach vier weiteren Kurven können sie richtig Gas geben und rasen mit über 200 Stundenkilometern auf der Geraden. Im Gegensatz zu den Rennstrecken in den anderen Metropolen der Welt, in denen ePrix-Rennen ausgetragen werden, bleibt Platz für furiose Überholmanöver. In 45 Minuten drehen die Fahrer schnelle Runden und Energiesparrunden, lernen dabei die Strecke kennen und probieren verschiedene Setups ihrer Fahrzeuge aus, immer im Funkkontakt mit dem Boxenteam. Erlaubt sind, wie im Rennen, 170 Kilowatt (230 PS). Nach dem Mammutprogramm auf der Rennstrecke haben die Fahrer Teambriefing.

Formel E 2.0: Noch sitzen Fahrer an Lenkrädern, ab 2018 soll ein fahrerloses Rennen namens Roborace folgen.

Für die Besucher: der Rennsimulator der Formel E

Jetzt sitzen die jugendlichen Besucher Jonas und Mirko im Simulator auf den Rennsitzen von Daniel Abt und Oliver Turvey. Die Hände umklammern fest die kleinen Lenk­räder, und während sie ihre Rennautos über die virtuelle Rennstrecke steuern, fliegt die Landschaft im Rennsimulator links und rechts an ihnen vorbei. Voll konzentriert brettern sie um die Kurven, mit den Füßen geben sie Gas und bremsen. Landet das Sportauto an der Leitplanke, muss der Rückwärtsgang eingelegt und das Fahrzeug zurückmanövriert werden. Nach zehn Minuten Fahrt verlassen sie mit leuchtenden Augen das Simulatorfeld. Mirko ist völlig überrascht: „Das ist ja anstrengend. Man muss die ganze Zeit hoch konzentriert sein. Aber im Simulator spürt man die gefahrene Geschwindigkeit nicht richtig. Ich bin mit 180 Stundenkilometern gerast, und es hat sich genauso wie 69 angefühlt.

Um zehn Uhr findet die Gruppenauslosung für das Qualifying statt, das die Qualifikationsgruppe bestimmt – die Fahrer müssen dazu ein Los ziehen. Je später man dran ist, desto besser die Rennstrecke, denn aufgeheizter Beton verspricht mehr Haftung. Währenddessen stehen Jonas und Mirko vor dem BMW i8 Schlange. Hier wollen sie möglichst bald dran sein. Einmal Probe sitzen, Lenkrad krallen, Cockpit begutachten, das reicht für ein Strahlen übers ganze Gesicht. Gleich sausen die Jungs zum Jaguar Race Touch Pad, auf dem sie das Wettbewerbsauto Jaguar I-Type 1 virtuell in 3-D-Ansicht in Einzelteile zerlegen können. In Wirklichkeit steht der Bolide um zwölf Uhr zum Qualifying bereit. Jetzt haben die Fahrer Zeit, zwei Runden werten zu lassen, eine mit normaler 170-Kilowatt-Leistung, die andere mit 200 Kilowatt im Qualifying-Modus. Am Ende werden in der Superpole die fünf ersten Startplätze ausgefahren.

Superpole mit gefüllten Tribünen und Kaiserwetter

Allmählich füllen sich die Tribünen. Die Temperatur klettert auf 30 Grad Celsius, und die Reifen quietschen in den Kurven. Lucas di Grassi erkämpft sich die Poleposition im ABT Schaeffler FE02 mit 0,001 Sekunden Vorsprung vor José Maria López vom Team Virgin Racing und schreibt damit Geschichte für das knappste Qualifying in der Formel E. Bis zum Rennstart müssen sich die Zuschauer gedulden. Zeit für eine Bratwurst oder sich den Sturzhelm aufzusetzen, um mit dem Elektroroller ein paar zaghafte Runden im Coup-Parcours zu drehen und das Konzept des elektrischen Leihrollers Scrooser kennenzulernen, der überall in Berlin per App auffindbar und buchbar ist. Verlockender finden Mirko und Jonas das Carsharing-Prinzip DriveNow von BMW. Auch wenn dazu noch der Führerschein fehlt, bietet das die Möglichkeit, einen i3 zu fahren.

Ganz ohne Führerschein, dafür nach langer Wartezeit, nehmen die beiden Motorsportenthusiasten im Elektrokart Platz. Hier dürfen sie selbst am Lenkrad des 23 Kilowatt (ca. 31 PS) starken Karts sitzen. Mit vier weiteren eKarts teilen sie sich die 250 Meter lange Kartbahn. Das Lenkrad muss in der „Viertel-nach-drei-Stellung“ gehalten und mit geradem Rücken gesteuert werden. Das hohe Drehmoment ermöglicht eine nie erlebte Beschleunigung, und ­Mirko liefert sich mit seinem Freund Jonas eine Überholjagd, als würde er um einen Podestplatz kämpfen. Völlig abgasfrei genießen sie fünf Minuten lang das Gefühl, selbst Rennfahrer zu sein, bei gefühlten 40 Stunden­kilometern. Nebenan sitzen Zahnlückenkinder im Mini-­Jaguar I-Type, den sie im Schritttempo über einen eigenen Platz steuern, während die stolzen Väter hinter den Absperrungen mit ihren Smartphones die ersten „Renn­erfahrungen“ ihrer Sprösslinge filmen.

Die Jugendlichen üben indes auf dem elektrisch betriebenen Einrad, das nur über Körperverlagerung reagiert, ihre Balance zu halten. Vorlage heißt Fahren, Rückenlage Bremsen, Neigung nach links ergibt eine Rechtskurve. Soll diese Fortbewegungsart, die ein müheloses Gefühl der Leichtigkeit vermittelt, einmal das Laufen ersetzen?

Hochspannung beim Rennen

Bevor die Rennfahrer wieder in ihren Elektroflitzern Platz nehmen, begrüßen sie ihre Fans bei der Autogrammstunde in der historischen Abfertigungshalle des Flughafengebäudes. Jeder Fahrer an einem separaten Schalter des einstigen Check-in. Während bei dem Schweizer Dauersieger Sébastien Buemi und bei Deutschlands bestem Formel-E-Fahrer Nick Heidfeld ein Andrang wie bei einem Mallorca-Charterflug herrscht, reihen sich Mirko und Jonas beim Allgäuer Daniel Abt ein. Für sie ist das ein magischer Moment: Von ihrem Youtube-Idol ergattern sie ein Lachen, einen festen Händedruck und ein Foto – und natürlich eine handgeschriebene Autogrammkarte. Erst als sie von den anderen Fans weggedrängt werden, bahnen sie sich den Weg zurück aufs Vorfeld. Hier nämlich zieht ein einsamer Bolide seine Runden. Geheimnisvoll schwarz und mit getönten Scheiben, wirkt der Einzelkämpfer wie von einem anderen Stern. Ein Fahrer hinter der Scheibe ist nicht auszumachen. Das Entwicklungsfahrzeug der Roborace-Rennserie, die in Zukunft mit autonomen Fahrzeugen stattfinden soll, dreht seine Runden. Erst eckig, dann geschmeidiger in der Ideallinie der Rennfahrer und auf der Geraden mit 200 Stundenkilometern. Das Wunder der Technik hat jedoch auch etwas von Langeweile ohne Mitstreiter. Zu unspektakulär und perfekt zieht das fahrerlose Fahrzeug seine Runden – geradeso, als wolle die ­Technik zeigen, dass sie den Menschen nun nicht mehr brauche.

Mit elektrisierender Spannung hingegen verfolgen kurz darauf 24.000 Zuschauer den 50-minütigen ePrix, bei dem 20 Rennfahrer 44 Runden mit ihrem Formel-E-Rennwagen über die Rennstrecke jagen. Mit dem Sound aufsteigender Silvesterraketen ­zischen die Monopostos, die einsitzigen Rennwagen, um die 270-Grad-Kurve, liefern sich währenddessen spektakuläre Überholmanöver und verschwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind, wieder in einem extra aufgebauten Tunnel. Nach Kurve fünf flitzen sie mit Highspeed unter Kon­trolle ihres Energieverbrauchs bis zur nächsten Kurve. Daniel Abt versucht, an Sébastien Buemi vorbeizuziehen. Die Hitze nagt an der Konzentration der Fahrer und ist nicht nur eine Herausforderung für das Kühlmanagement der ­Batterien. Nach spätestens 22 Runden ist Boxenstopp, was für die Fahrer nichts anderes bedeutet, als unter Einhaltung der Sicherheitsregeln in ein aufgeladenes identisches Auto zu springen.

Mahindra stark im Rennen

Lange vor dem Ende des Rennens setzen sich José Maria López, Felix Rosenqvist, Lucas di Grassi und Nick Heidfeld von ihren Verfolgern ab und machen das Rennen unter sich aus. Der ruhige Schwede Felix Rosenqvist steht am Ende des Tages ganz oben auf dem Siegertreppchen, und Mahindra-Racing-Teamkollege Nick Heidfeld gibt den Fans in seiner Heimat mit seinem dritten Platz, Grund zum Jubeln. Champagner spritzt, Konfetti fliegt, die Party ist bei der Siegerehrung voll im Gang. Doch Jonas und Mirko fiebern dem Pitwalk entgegen, dem anschließenden Rundgang durch die Boxengasse. Vor Daniel Abts Renn­boliden zu posieren, das ist der ­krönende Abschluss des abwechslungsreichen Formel-E-Rennens. Und wieder ­einmal schreibt der ehemalige Flughafen Tempelhof Geschichte – dieses Mal mit den Pionieren der Elektromobilität.

Text und Fotos: Monika Neiheisser