IM DEZEMBER GEHT DIE FORMEL E IN HONGKONG IN DIE VIERTE SAISON. EINE FORMEL-RENNSERIE MIT
STEILEM AUFWÄRTSTREND, DIE IHRESGLEICHEN SUCHT. AUDI BEKENNT SICH MIT DEM ERSTEN DEUTSCHEN
WERKSTEAM ZUM ELEKTRISCHEN MOTORSPORT UND LÄUTET DAMIT EINE NEUE ÄRA EIN.

Daniel Abt steht auf der Bühne und wird mit viel Applaus als neuer Werksfahrer von Audi gefeiert. Dann wird es still im Saal. Die geladenen Gäste stehen unter Hochspannung. Minutenlang. Ihre Blicke richten sie auf das große Tor im Kundengebäude des Audi-Kompetenz-Centers Sport in Neuburg bei Ingolstadt. Keiner spricht ein Wort. Wie von einem anderen Planeten kommend rollt der weiß-grüne Bolide geräuschlos an den Stehtischen und den Herren in Hemd und Anzug vorbei. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen steigt Lucas di Grassi in seinem maßgeschneiderten Rennanzug mit einem breiten Lachen aus dem engen Cockpit. Grund zum Strahlen hat er wahrlich. Der amtierende Weltmeister ist gerade aus dem Rennwagen geklettert, den er in der Saison 2017/18 als Werksfahrer von Audi pilotiert. Erstmals darf er in der Formel E mit der Startnummer 1 starten. Mit der Übernahme des Startplatzes von ABT Sportsline und mit den Piloten Daniel Abt und Lucas di Grassi läutet Audi mit dem e-tron FE04 eine neue Ära im deutschen Formel-E-Sport ein. Damit schreibt der Autohersteller einmal mehr deutsche Rennsport-Geschichte. Wie damals, als 2006 mit dem Audi R10 TDI erstmals ein Dieselfahrzeug bei den 24 Stunden von Le Mans gewann, dem härtesten Langstreckenrennen der Welt. Mit dem Audi R18 e-tron wiederholt sich diese Pionierleistung im Hybrid-Rennwagen.

In dieser Saison ist der Autobauer mit vier Ringen der erste, der ein deutsches Werksteam ins Rennen auf leisen Sohlen schickt. Für ihn heißt Elektroantrieb „Mobility for tomorrow“. Dunkelgrün schimmert diese Message unzählige Male auf dem hellgrünen Lack des Elektro-Rennschlittens. Doch Audi meint damit nicht nur die Mobilität auf der Rennstrecke. Die Ingolstädter wollen den eAntrieb verstärkt auch auf die Straße bringen. Bis 2025 soll jeder dritte ausgelieferte Audi elektrisch sein, und der Kunde soll aus mehr als 20 Elektro autos und Plug-in-Hybriden wählen können. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt das Unternehmen die elektrische Rennserie als Entwicklungsplattform. Dass das zielführend sein kann, zeigt die Erfolgsgeschichte des Audi quattro, der in den 80ern erste Siege bei den Rallye-Weltmeisterschaften einfuhr und daraufhin eines der ersten Allradfahrzeuge war, die in größerer Stückzahl produziert wurden.

Audi-ABT-Schaeffler-Team: Teamchef Allan McNish, Rennfahrer Daniel Abt und Lucas di Grassi sowie Audi-Motorsportchef Dieter Gass (v. l. n. r.).
Audi e-tron - Lucas di Grassi - Valencia 2017

Audi von Anfang an am Start

So leise die Rennserie ist, so lautlos ist auch der Einstieg von Audi in die elektrische Formel. Schon seit der ersten Formel-E-Saison im Jahr 2014 ist der Konzern Namensgeber des Allgäuer Teams. Für dieses stellte Audi mit dem Brasilianer Lucas di Grassi einen seiner Werksfahrer zur Verfügung, und später kamen technische und finanzielle Unterstützung hinzu. Die Übernahme des Teams ist das i-Tüpfelchen auf die Zusammenarbeit. Von nun an obliegt Audi die Entwicklung des elektromotorischen Antriebsstrangs aus Motor, Getriebe und entsprechenden Aufhängungsteilen. Technologiepartner bleibt dabei der global tätige Automobilzulieferer Schaeffler, der sich der Mobilität von morgen verschrieben hat. Das bewährte ABT-Team, das seit den Anfängen der Formel E erfolgreich am Start ist, bleibt weiterhin Audi-Einsatzteam und stellt mit Fahrern, Ingenieuren und Mechanikern bei den Rennen die Weichen. Die Führung übernimmt der schottische Teamchef Allan McNish, der den Rennstallbesitzer Hans- Jürgen Abt ablöst. „Wir sind stolz, als Gründungsmitglieder ein Stück Motorsportgeschichte mitgeschrieben zu haben. Die Formel E hat sich in wenigen Jahren so stark entwickelt, dass ein Team ohne die Unterstützung eines Automobilherstellers nicht mehr konkurrenzfähig ist. Deshalb übergeben wir jetzt gerne das Kommando an Audi“, sagt der ABT-Sportsline- Geschäftsführer und Vater des Jungrennfahrers Daniel Abt. Auch Formel-E-Gründer und -CEO Alejandro Agag ist begeistert: „Die Marke hat eine lange und erfolgreiche Motorsportgeschichte und weiß mit ihrem innovativen Ansatz auf und abseits der Rennstrecke zu begeistern.“

Audi e-tron Valencia 2017 Lenkrad Daten

Fahrtests unter spanischer Sonne

Doch bevor sich die elektrischen Rennboliden spannende Wettkämpfe vor begeistertem Publikum liefern, müssen die Hausaufgaben gemacht werden. Dazu gehören neben permanenten Neuentwicklungen gewissenhafte Tests. Nach firmeninternen Probefahrten auf der Neuburger Teststrecke und auf Mallorca treten die zehn Teams der Saison 2017/18 Teams und Fahrer 2017/18 erstmals in Valencia gegeneinander an. Am Circuit Ricardo Tormo sind die 60.000 Tribünenplätze leer, wenn die Autos gegen den Uhrzeigersinn über die vier Kilometer lange Rennstrecke surren und mit zwei aufgebauten Hindernissen auf der Zielgeraden mit qualmenden Reifen die Grenze des Möglichen ausloten. Betriebsamkeit und Anspannung herrscht hingegen in der Boxengasse. Drei offizielle Testtage vor dem ersten Rennen sind erlaubt, wenn die Hardware längst entwickelt ist und keine Änderungen mehr vorgenommen werden dürfen. Auf dem spanischen Testgelände geht es um die Feinabstimmung der Software, neu zusammengestellte Teams müssen sich einspielen, und eine spannende Frage, die Lucas di Grassi auf den Punkt bringt, wird geklärt: „Es nützt nichts, schnell zu sein, man muss auch wissen, wie schnell die Konkurrenz ist. Alle entwickeln weiter.“ Diese Weiterentwicklung erkennt man bei Audi auf Anhieb daran, dass der Antriebsstrang des Audi e-tron FE04 statt wie bisher in einem Alugehäuse nun in einem federleichten Carbongehäuse versteckt ist. Er verfügt nur noch über einen Vorwärtsgang anstelle eines Dreiganggetriebes. So entfällt das zeitfressende Schalten, auch wenn es sich jeweils nur um Zehntelsekunden handelt – Zeit, die über die Titelverteidigung oder einen Podiumsplatz entscheiden kann. Auch wenn Daniel Abt es eher gelassen sieht: „Für mich ist es kaum ein Unterschied. Ich habe mit dem anderen Antrieb auch nicht viel geschaltet.“ Doch sein Anspruch für die kommende Saison ist hoch: „Wenn man im Team des Champions fährt, dann müssen Podiumsplätze, Siege und der Titelkampf der Maßstab sein.“ Für den frischgebackenen Audi-Werksfahrer ging ein Traum in Erfüllung: „Ich war schon immer sehr eng mit Audi verbunden, doch das ist jetzt wie Heiraten.“

Formel e Rennkalender 2017 / 2018

Nr.OrtDatum
1.Hongkong/China02. Dezember
2.Hongkong/China03. Dezember
3.Marrakesch/Marokko13. Januar
4.Santiago de Chile/Chile03. Februar
5.Mexiko-Stadt/Mexiko03. März
6.São Paulo/Brasilien17. März
7.Rom/Italien14. April
8.Paris/Frankreich28. April
9.Berlin/Deutschland19. Mai
10.Zürich/Schweiz10. Juni
11.New York/USA14. Juli
12.New York/USA15. Juli
13.Montreal/Kanada28. Juli
14.Montreal/Kanada29. Juli
Audi e-tron Valencia 2017 Front
Audi e-tron Valencia 2017 Trockeneiskühlung für die Akkus

Die Teams der Saison 2017 / 2018

TeamFahrer 1Fahrer 2
Audi Sport ABT SchaefflerLucas di GrassiDaniel Abt
Mahindra RacingFelix RosenqvistNick Heidfeld
Renault e.damsSébastien BuemiNicolas Prost
DS Virgin RacingSam BirdAlex Lynn
TecheetahAndré LottererJean-Éric Vergne
NextEV NIO Formula E TeamOliver TurveyLuca Filippi
MS&AD Andretti TeamAntónio Félix da CostaAlexander Sims
Tom Blomqvist
Dragon RacingNeel JaniJérôme D’Ambrosio
VenturiMaro EngelEdoardo Mortara
Panasonic Jaguar RacingNelson Piquet jr.Mitch Evans
Nicht alle haben die Messlatte so hoch gelegt. Newcomer André Lotterer, ein sogenannter Rookie, ist froh, wenn er in der ersten Saison mit den Gegebenheiten klarkommt. Er ist es als Porsche-Werksfahrer gewohnt, 1.000-PS-Boliden sechs Stunden lang an der Grenze des Möglichen zu steuern. Jetzt muss sich der neue Stammfahrer des chinesischen Teams Techeetah mit ca. 254 PS zufriedengeben, die er 50 Minuten lang taktisch klug einsetzen muss. Doch bis zum Einstieg von Porsche in der Saison 2019/20 hat er reichlich Gelegenheit, Erfahrung zu sammeln. Bis dahin müssen die Porsche-Ingenieure ihre Arbeit getan haben. Auch sie sollen in der Boxengasse gesichtet worden sein. Deutsche Autohersteller haben die Formel E für sich entdeckt. Auch Mercedes bereitet seinen Weg in das umweltfreundliche Formel-Rennen vor und startet ebenfalls ab der Saison 2019/20. Dafür beenden die Stuttgarter ihr Engagement in der DTM nach der Saison 2018. Es soll ein Zufall sein, dass im Privatteam Venturi aus Monaco zwei Mercedes-Werksfahrer starten. Der erfahrene Formel-E-Fahrer Maro Engel, der direkt nach seiner Hochzeit lediglich einen Testtag in Valencia wahrnehmen konnte, geht mit dem Italo-Schweizer Edoardo Mortara als Mercedes-Duo an den Start. Und auch der bayerische Automobilhersteller BMW schickte die beiden Werksfahrer Tom Blomqvist und Alexander Sims ins sonnige Valencia, damit diese erste Erfahrungen in der Formel E sammeln können. Sie wechselten sich mit dem dritten BMW-Werksfahrer, António Félix da Costa, ab, der bereits als Pilot für die Saison 2017/18 bestätigt ist und seit Beginn der Formel E für das Team MS&AD Andretti startet. Er zählt zu den ersten Siegern eines Formel-E-ePrix. In der Saison 2018/19 wird BMW das US-Andretti-Team als offizielles Werksteam übernehmen. Damit geht der Münchner Konzern einen vergleichbaren Weg wie die Marke mit den vier Ringen. Auch BMW ist im Andretti-Team seit Gründung der Formel E dabei und stellt seine technischen Einrichtungen für Testzwecke zur Verfügung.

Die Anforderungen steigen

Nach den Testtagen auf der Rennstrecke, auf der auch Formel-1-Tests stattfinden, werden die Rennwagen nochmals komplett in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengebaut, bevor sie in stabilen Kisten im Flugzeug zum ersten Rennen nach Hongkong transportiert werden. Und schon jetzt sind sich alle einig: Die Anforderungen steigen, denn der Konkurrenzkampf wächst mit steigender Zahl von Werksteams. Ruck, zuck galoppieren damit meistens auch die Kosten ins Astronomische. Somit wird es eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein, die Ausgaben in einem realistischen Rahmen zu halten. Doch nun erwartet alle erst einmal eine sehr spannende Rennsaison, in der vierzehn statt wie bisher zwölf Rennen ausgetragen werden. Ihren Auftakt feiert sie am 2. und 3. Dezember mit zwei ePrix, deren Rennstrecke im Hafen vorbei an den bekanntesten Wolkenkratzern der asiatischen Metropole Hongkong führt, in der von sieben Millionen Menschen nur acht Prozent im Auto unterwegs sind. Bis die elektrischen Boliden wieder in Deutschland gastieren, müssen wir uns noch bis zum 19. Mai gedulden. Dann werden die Rennfahrer wieder auf dem Flugfeld Tempelhof um die Podiumsplätze kämpfen. Ob es dann einen Heimsieg geben wird? Wir dürfen gespannt sein.

Daniel Abt (24) Valencia 2017