eBIKE BEIM RADHÄNDLER, MOTOR-SKATEBOARD IM SPORTGESCHÄFT, MONOWHEEL VOM ONLINESHOP: OBWOHL DAS SORTIMENT BREIT UND DIE KUNDSCHAFT KAUFWILLIG IST, SIND SPEZIALISIERTE HÄNDLER FÜR eMOBILITÄT SELTEN WIE VIERBLÄTTRIGER KLEE. BESUCH BEI EINEM DER ERSTEN.

Die Leute kommen teils 200 Kilometer zu mir!“ Es blitzt sichtbarer Stolz in den Augen des ehemaligen Bankers auf, der vor drei Jahren als Quereinsteiger mit dem Import von elektrischen Einrädern startete. Aus der Jobalternative wurde schnell eine Passion – mit einigem Erfolg, aber dazu kommen wir erst später. Onlineshop und Ladenlokal in Pulheim, nordwestlich von Köln, brummen. Auf dem Weg zum Interview stellte ich mir einen trendigen Typen vom Schlage Manager vor, dazu einen clean gestylten Shop irgendwo zwischen Apple-Store, Globetrotter-Filiale und Loft. Am Ortsrand prangt dann der Stierkopf, das Logo von Rolling Bull. Dahinter versteckt sich aber kein Flagship-Store. Geschäftsführer Lars Thüner (50) zog es vor, sich bei einem befreundeten Bike-Shop einzuquartieren. Zum einen wegen der Synergieeffekte, zum anderen, „weil es in einer neuen Branche nicht gut ist, rasant zu wachsen“, begrüßt er mich sehr herzlich mit Handschlag.

So unfassbar neu sind elektrisch betriebene Bikes und Scooter gar nicht, sie fristeten bisher aber eher das Dasein von Spielzeug für Spinner und Snobs als Randgruppenartikel in Technikkatalogen oder als Sonderposten in großen Fahrradketten. Ihre Würdigung als hilfreicher und zukunftsweisender Teil des Individualverkehrs erhalten die Produkte erst durch spezialisierte Shops wie dem von Lars.

Auf die Frage, ob das Thema beratungsintensiv sei oder ob seine Kunden eher im Shop abholten, was sie sich online ausgesucht hätten, erklärt er: „Es gibt schon einiges zu erzählen, aber etwa 70 Prozent der Kunden wissen ziemlich genau, was sie wollen, zumindest den Fahrzeugtyp. Wir helfen eher bei Ausstattung, Zubehör oder richtigen Anwendung.“ Und natürlich weise er grundsätzlich auf die jeweilige Rechtslage hin. „Dass einmal jemand ohne konkrete Vorstellung ein Fahrzeug wünscht, kommt selten bis nie vor“, sagt er, während er Produkte in Echtzeit verkauft. „90 Prozent des Umsatzes machen wir sowieso online“, fügt er hinzu, „der Shop dient vor allem dazu, bei den Zweiflern Vorurteile abzubauen und alte Bilder über eMobilität ins Wanken zu bringen.

Sein Shop im Shop läuft offenbar sehr gut, trotzdem wirft das Onlinegeschäft den Löwenanteil ab. Manchmal sei es ihm fast unangenehm, dass er mit seinen Trendvehikeln mehr Abschlüsse mache als sein Kumpel und Vermieter nebenan mit den Fahrrädern. „Man kann es aber auch als Sinnbild für eine neue Ära nehmen“, bringt der ExBanker aus der Automobilbranche es für sich auf den Punkt und scheint mit dieser Einsicht recht zufrieden. Seine Hälfte des Ladens ist mit Regalen, PalettenStapeln und natürlich Ware geradezu vollgestopft. Dennoch passt nicht einmal ein Bruchteil seines Sortiments in den Shop; drei große Garagen sind Drehund Angelpunkt eines Business, das im Umkreis seinesgleichen sucht.

Neue Branche mit viel Anlauf

Unweigerlich drängt sich das Bild von Bill Gates in den 1970ern auf, der seinerzeit aus einer winzigen Garage heraus eine neue Ära befeuerte. Der Vergleich mag hinken, aber spezialisierte Shops wie der von Lars bringen nicht nur mehr Knowhow und Produktvielfalt in die Szene. Sie verbreiten auch das Gefühl für Spaß und Nutzen der Fahrzeuge, genauso wie sie Speerspitzen in Prozessen und Entwicklungen zur Anpassung von Infrastruktur und Gesetzeslage sind. Lars liest Gedanken: Er plädiert für eine „Liberalisierung der Verkehrswege“.

Inmotion V8 Elektro Einrad

Höchstgeschwindigkeit: 30 km/h
Motorleistung: 800 W
Gewicht: 13,8 kg
Reichweite: 45 – 50 km
Max. Steigung: 25°
Zuladung: bis 120 kg
Ladezeit: ca. 4,5 Stunden
Raddurchmesser: 16 Zoll
Akku: 480 Wh, 6,4Ah, Li-Ion

Statement pro Liberalisierung

Nach meiner Erfahrung ist Deutschland das Land in Europa, in dem sich Politik und davon abgeleitet auch manche Verbraucher am meisten querstellen, was die Nutzung von Elektrofahrzeugen im öffentlichen Verkehr angeht.“ Als Beispiel führt Lars Kunden mit Behinderungen an, die gerne mit einem eScooter kurze Strecken auf Radweg oder Straße erledigen würden. „Aber da dürfen sie offiziell nicht hin, weil es keine Fahrzeuge sind. Und für den Gehweg sind sie zu schnell.“ Also bleibe vielen Betroffenen nichts anderes übrig, als sich im eRollstuhl mit gerade mal 20 Stundenkilometern zwischen Lkw durchzumanövrieren. Die Hoffnung auf Bezuschussung von eMobilen durch Krankenkassen in naher Zukunft sei entsprechend illusorisch. „Ein Witz, hier muss ein Umdenken stattfinden!“, echauffiert sich der Vertriebs-Profi.

Die Handhabung im Laden sei indes auch nicht immer einfach, selbst für Fachkundige wie Lars nicht. „Wir klären vor Kauf jeden Kunden umfassend darüber auf, wo und wie er mit dem entsprechenden Fahrzeug unterwegs sein darf.“ Er wisse sehr wohl um die Grauzonen, umso wichtiger sei es, die eMobilität flächendeckend in politische Fragen einzubeziehen. München macht es nach seiner Ansicht richtig: Elektrische Fahrzeuge werden hier bezuschusst: „Das entlastet jede Innenstadt mehr als Feinstaubplaketten oder Elektroautos!

SXT Light ECO E-Scooter

Höchstgeschwindigkeit: 27 km/h (drosselbar auch auf 12km/h, 20 km/h und 25 km/h)
Motorleistung: 350 W
Gewicht: 10,7 kg
Reichweite: ca. 30 km (mit KERS Technologie zum Energierückgewinnung beim Bremsen)
Max. Steigung: 15°
Zuladung: bis 125 kg
Ladezeit: 3 – 3,5 Stunden
Räder: Luftkammerreifen
Akku: 156 Wh, 6,5Ah, Li-Polymer

Ehrensache, dass Lars selbst auf seine elektrischen Geschosse abfährt. Überraschend leger cruist er durch das Kölner Umland und präsentiert seine Lieblingsfahrzeuge. Ich frage nach, und wirklich: Viele seiner Kunden seien deutlich älter, als man erwarten würde. Darunter viele ehemalige Skateboarder, die lediglich nicht mehr alle Knochen riskieren wollen.

Auf die Frage, worauf man generell beim Kauf achten sollte, wird er noch präziser. „Die Geräte stehen und fallen mit dem Akku. Ladezeit und Reichweite sollten eher etwas oberhalb des eigenen Anspruchs liegen, dann hat man auch noch Spaß, wenn er nach ein paar Jahren an Kapazität verliert.“ Blei-Akkus gelte es zu vermeiden, der Bedienerfreundlichkeit wegen, aber nicht zuletzt aus Umweltschutzgründen. Und die Antriebstechnik? „Die macht erfahrungsgemäß keine Probleme – wie auch?“ Im Vergleich zum Verbrennungsmotor hätten eMotoren kaum Wartungspunkte.

Yuneec E-GO Cruiser (das eBoard)

Höchstgeschwindigkeit: 20 km/h
Motorleistung: 400 W
Gewicht: 6,3 kg
Reichweite: ca. 30 km / 3 Std.
Max. Steigung: 10%
Zuladung: k.A.
Ladezeit: 3,5 Stunden, Ladeport USB für Handy und Remote
Räder: 90 mm / 78A Rollen
Akku: 7,8 Ah, Li-Ion
Steuerung: Handfernbedienung via Bluetooth, App

Die Lust auf Außenseiter

Nur mit Pedelecs tut er sich schwer. „Wo Treten erforderlich ist, muss ich passen“, räumt er ein, „außerdem sind Pedelecs im Vergleich weniger spannend.“ Es ist offenbar: Sein Steckenpferd sind die Nischenprodukte, die Außenseiter. „Transportbikes mit eMotor und ganz speziell solche für das Tagesgeschäft von Müttern – und wahrscheinlich auch Vätern – haben es mir angetan.“ Zudem wolle er bald wieder mehr selbst importieren und sich weniger bei Großhändlern bedienen – trotz höheren Aufwands.

Namensgeber des Unternehmens – der rollende Bulle – ist übrigens so schlicht wie ergreifend das Sternzeichen von Lars Thüner. Ganz nach dem Motto des Rheinländers: Warum kompliziert, wenn es so einfach geht?