TAXI IN DIE ZUKUNFT

EINSTEIGEN, AUF EINER LANDKARTE DAS ZIEL MARKIEREN UND MIT DEM LUFTTAXI ABHEBEN. DAS IST KEINE FIKTION, SONDERN SOLL IN DIESEM SOMMER IN DUBAI REALITÄT WERDEN. DER INNOVATIONSFREUDIGE WÜSTENSTAAT DENKT IN SUPERLATIVEN UND PLANT DEN WELTWEIT ERSTEN SHUTTLE-DIENST MIT EINER DROHNE. DA SEHEN SELBST DIE AUTONOM FAHRENDEN AUTOS VON GOOGLE RICHTIG ALT AUS.

Die Szene aus dem Science-Fiction-Film Das fünfte Element, in dem Bruce Willis mit einem fliegenden Taxi durch Wolkenkratzerschluchten cruist, kennt jeder. Dort, hoch oben in der Luft, spielen Staus und rote Ampeln keine Rolle. Dass diese Szene aber so schnell Realität werden würde, hat wohl keiner geglaubt. Auch nicht die Besucher der Elektronikmesse CES 2016 in Las Vegas, auf der das Unternehmen Ehang seinen Prototyp eines autonom fliegenden Vehikels zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte. Doch der chinesische Hersteller, der bereits in der Vergangenheit durch seine Drohnen aufmerksam machte, belehrt Kritiker mit seinem neuesten Meisterstück Ehang 184 eines Besseren – die weltweit erste Drohne, in die ein Mensch hineinpasst. Damit gehören die Asiaten im globalen Wettrennen der rund ein Dutzend Firmen, die an Lufttaxis arbeiten, zu den Spitzenreitern.

Mit 100 km/h über die Dächer der Stadt

 

Das Design von Ehang 184 erscheint wie ein Mix aus Mini-Helikopter und Skigondel. Die Kabine besteht aus Aluminium und Kohlefaser mit Flügeltüren sowie vier klappbaren Propellerauslegern mit acht redundanten Rotoren. Die Motoren werden von Ökostrom angetrieben und katapultieren das 240 Kilogramm schwere Luftfahrzeug in eine Höhe von bis zu 3.500 Metern. Da wird das Überfliegen von Hochhäusern zum Kinderspiel. Für den Lufttaxi-Dienst in Dubai ist jedoch vorerst eine Flughöhe von bis zu 300 Metern vorgesehen. Dank des 142 PS starken Antriebs schafft es eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Die Entscheidung für die Elektrokraft führt aber dazu, dass Ehang 184 nur eine knappe halbe Stunde lang fliegen und lediglich eine kurze Strecke von ca. 40 bis 50 Kilometern zurücklegen kann. Für städtische Entfernungen dürfte das allerdings ausreichen. Die Drohne startet und landet zudem senkrecht, was Platz spart und in Ballungsräumen äußerst praktisch ist.

Autonomes Fliegen ohne Pilot

In dem Fluggerät ist Platz für eine Person bis 110 Kilogramm. Die Bedienung ist simpel: Der Fluggast nimmt auf dem Sitz der geschlossenen Kabine Platz und gibt über das Cockpit-Display, über eine App auf dem Smartphone oder ein Tablet den gewünschten Zielort auf der Landkarte ein. Dann startet er das Lufttaxi per Knopfdruck. Der Quadcopter hebt ab. Für zusätzlichen Komfort während der autarken Fortbewegung sorgen eine Klimaanlage, ein Gepäckstauraum sowie eine 4G-Datenverbindung. Der Passagier braucht keine Pilotenlizenz, denn das autonome Betriebssystem des sogenannten Autonomous Aerial Vehicle (AAV) folgt wie Googles fahrerlose Autos einer vorprogrammierten Route, weicht Hindernissen selbstständig aus und kommuniziert mit anderen Fluggeräten im Luftraum. Es steht während des Fluges in ständigem Kontakt zu einem Kontrollzentrum. Von dort aus wird das Luftfahrzeug überwacht und im Worst Case ferngesteuert. Im Idealfall hat das Personal am Boden nichts zu tun.

Großen Wert legt der Hersteller auf die Sicherheit. Das ist nicht verwunderlich, verlor Unternehmenschef Huazhi Hu im Jahr 2011 doch einen Freund und Hubschrauberpiloten bei einem Absturz. Grund genug für ihn, um nach einer sichereren Möglichkeit für Shuttle-Flüge in Städten zu forschen. Das war der Startschuss für die Entwicklung. Die eDrohne ist deshalb so konstruiert, dass es sofort Ersatz gibt, falls ein System ausfallen sollte. Um für den äußersten Extremfall gerüstet zu sein, befindet sich zusätzlich ein Failsafe-System an Bord, welches das Vehikel automatisch Richtung Bodennähe steuert.

Die ersten Testflüge konnte Ehang 184 nach anfänglichen Startschwierigkeiten wegen fehlender Genehmigungen bereits im US-Bundesstaat Nevada erfolgreich beenden. Warum in den USA? Weil das Nevada Institute for Autonomous Systems (NIAS) an der Weiterentwicklung des Fluggerätes beteiligt war und dem Unternehmen ein Testgelände zur Verfügung stellte. Auch in Dubai wurden vor Kurzem erste Flüge – vor allem in Wüsten- und Küstenumgebungen – vorgenommen, so Mattar Al Tayer, Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Straßen- und Verkehrsbehörde von Dubai. Richtig Aufwind soll die Drohne jetzt durch den Praxisbetrieb bekommen.

Vielseitige Nutzung denkbar

Ob der vorwiegende Nutzen im innerstädtischen Personentransport liegt oder andere Möglichkeiten infrage kommen, ist bisher offen. Denkbar wäre beispielsweise ebenso ein Einsatz als Luftfähre, um Inselbewohner zum Festland zu bringen oder als Alternative zum Rettungshelikopter, wenn verletzte oder kranke Personen noch einsteigen können. Erste Investoren, so heißt es, wollen die Drohne für die Lieferung von Organtransplantaten einsetzen. Abschreckend könnte nur der Preis sein, der zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar liegen soll. Der Flieger wird somit bei den wenigsten im Budget liegen. Vielleicht folgen nach Dubai dennoch weitere Städte und Länder, die mit dem Lufttaxi ihren Nahverkehr entlasten möchten. Der autonome Senkrechtstarter könnte die neue Hoffnung für Megametropolen sein, deren Einwohner unzählige Stunden im Jahr in Staus verbringen, wie zum Beispiel Mexiko-Stadt, Shanghai oder das kalifornische Silicon Valley. Hier wären genügend Flächen auf Hausdächern vorhanden, auf denen Ehang 184 starten und landen könnte.

Vorher müssen aber noch zahlreiche Unklarheiten beseitigen werden, u. a. die Frage, wie individuelle Fluglinien koordiniert und Kollisionen mit anderen Flugkörpern vermieden werden. Ein weiteres Problem stellen die noch vagen Rechtsbestimmungen für Drohnenflüge und Drohnen im Allgemeinen dar. Eine aussagekräftige Gesetzeslage der Regierungen fehlt bisher. In Deutschland gilt für den Passagierflug zum Beispiel eine Flugplatzpflicht. Außenlandungen sind daher genauso untersagt wie der autonome Flug ohne einen menschlichen Piloten. Es bleibt also abzuwarten, ob sich die Drohne überhaupt fortbewegen darf, auch wenn die Technik dafür bereits vorhanden ist. Sollte es dem Unternehmen tatsächlich gelingen, alle Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, wäre die Drohne dem Traum vom fliegenden Pendlerauto wohl derzeit am nächsten. Darüber könnten sich schon bald die Chinesen freuen. Dort soll das Luftfahrzeug zuerst erhältlich sein. Dann sollen die USA, Neuseeland und einige europäische Länder folgen.

THESE – DUBAIS VISION DER ZUKUNFT

Automatisierte Transportsysteme sind ein wichtiger Bestandteil der Zukunftsvision von Dubai. Die Regierung des Wüstenstaates investiert deshalb gigantische Summen in die Mobilität von morgen. Ihr Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll ein Viertel des öffentlichen Verkehrs durch autonome Fahrzeuge ersetzt werden. Neben dem Drohnendienst plant die Stadt derzeit den Einsatz von smarten und fahrerlosen Zügen, Kleinbussen und Elektrotaxis. Die Message dahinter: Nicht das Öl, sondern technologische Innovationen sollen die nahe Zukunft gestalten.

Artikel: Inga Dora Meyer / Bilder: Ehang