Ein moderner, rechteckiger Kasten mit großen Fensterfronten mitten auf der grünen Wiese: Das ist der Ort, an dem in Deutschland Zukunft gemacht wird. Was etablierten deutschen Autobauern nicht gelingen will, schafft ein Team aus Wissenschaftlern und Studenten der RWTH Aachen: Sie entwickeln ein ­bezahlbares Elektroauto, das ab Mai 2018 in Serienproduktion gehen soll.  -Autorin Alexa Christ hat sich vor Ort bei e.GO umgeschaut.

Also gut, Weinberge sind nirgendwo zu sehen. Auch die Bucht von San Francisco ist weit weg, und ganz sicher gibt es hier keine Hewlett-Packard-Garage, aber visionäre Technologie entsteht im „Engineering Valley“, wie sich der Campus-Boulevard in Aachen gern nennt, auch. Quasi in Spuckweite zur Uniklinik befinden sich nicht nur mehrere Hochschul-Exzellenzcluster, auch eins der vielleicht interessantesten deutschen Start-ups hat hier eine Heimat gefunden: die e.GO Mobile AG, 2015 gegründet und ausgezogen, um die großen deutschen Autobauer in Sachen Elektromobilität das Fürchten zu lehren – das zumindest könnte man meinen, wenn Professor Günther Schuh diesen Eindruck nicht gleich zurechtrücken würde.

Als Forscher fühle ich mich verpflichtet, unsere Industrie mit meinem Privileg der freien Forschung sinnvoll zu unterstützen“, sagt der zwei Meter drei große Hüne, der am Lehrstuhl für Produktionssystematik der RWTH Aachen lehrt. Bereits 2009 hatte der gelernte Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler ein Team zusammengestellt, das mit dem StreetScooter einen innovativen Elektro-Transporter auf den Markt warf – ein Konzept, das die Deutsche Post so gelungen fand, dass sie das ­Unternehmen gleich aufkaufte. Zumal der „gelbe Riese“ aus Bonn zuvor vergeblich versucht hatte, ein elektrisch betrie­benes Zustellfahrzeug bei einem der großen deutschen ­Automobilkonzerne in Auftrag zu geben. Kann es da verwundern, dass er schließlich zur Selbsthilfe griff?

Prototyp: Auf dem Campus-Boulevard in Aachen wurde der e.GO Life in nur drei Jahren entwickelt.

Prototyp: Auf dem Campus-Boulevard in Aachen wurde der e.GO Life in nur drei Jahren entwickelt.

eAuto aus Uni-Umfeld

Und weil auch Professor Schuh bei den Big Bossen von Daimler, VW, BMW & Co. ständig auf taube Ohren stieß, legt er nun mit seinem nächsten Coup nach: dem e.GO Life, einem schnittigen Stadtflitzer, der in der Basis-Version mit 20 Kilowatt Leistung, gut 100 Kilometer echter Reichweite und ­einem Preis von 15.900 Euro daherkommt. Zieht man noch die aktuelle Umweltprämie ab, muss der Kunde nur knapp 12.000 Euro auf den Tisch legen, um endlich elektrisch zu fahren.

Dabei haben die Tüftler aus Aachen nicht mal das Rad ganz neu erfinden müssen. In gerade mal drei Jahren und mit einem Budget von unter 30 Millionen Euro schaffte es das junge Team – derzeitiges Durchschnittsalter: 31 Jahre –, den e.GO Life aus der Taufe zu heben. Dazu wandte man konsequent Techniken der „Industrie 4.0“ an, Stichwort: Digitalisierung. Der erste Prototyp wurde zu 30 Prozent aus 3D-­gedruckten Komponenten gebaut. Seine Außenhülle besteht aus Kunststoff wie bei einem Sportwagen, was die Herstellungskosten deutlich senkt. Fürs Innenleben liefert die Robert Bosch GmbH einen 230-Volt-Elektromotor. Noch dazu sieht der Wagen schick aus. Die italienische Firma Spada ­Design, die bereits für Ferrari und Audi gearbeitet hat, legte mit Hand an. Verschmitzt streichelt Günther Schuh im Showroom am Campus-Boulevard den großen, kreisrunden Frontscheinwerfer des e.GO Life. „Das ist der 911er-Touch“, murmelt der bekennende Porsche-Fan mit einem breiten Lächeln.

Hier ist das Exzellenzcluster Produktionstechnik der RWTH Aachen ansässig. Im Showroom im Erdgeschoss gibt’s den e.GO Life zu sehen.

Hier ist das Exzellenzcluster Produktionstechnik der RWTH Aachen ansässig. Im Showroom im Erdgeschoss gibt’s den e.GO Life zu sehen.

Deutsche Erfinder-Schmiede

Was das Aachener Start-up so erfolgreich macht, sind die gute Vernetzung und der ungebremste Erfindergeist. Unterschiedliche Fachbereiche und Industriekonsortien profitieren auf dem Campus nicht nur von kurzen Wegen. Sie entwickeln gemeinsam visionäre Lösungsansätze für Zukunftsfragen. Deshalb ist sich Schuh auch sicher: „Wir haben hier das Potenzial, ein Innovationszentrum in Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa zu werden.“ Begeistert erzählt der 59-jährige Hochschullehrer von seinen Mitarbeitern – jung und motiviert bis in die Haarspitzen. „Die muss ich manchmal davor schützen, dass sie sich nicht vor lauter Euphorie tot­arbeiten“, verrät Schuh mit einem Augenzwinkern.

Immerhin hat man sich bei der e.GO Mobile AG ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis Mai 2018 soll die hochmoderne, intelligente Fabrik, die gerade im Stadtteil Rothe Erde entsteht, fertig sein. Dann wollen die Aachener die Serienproduktion starten: 1.800 Modelle im ersten Jahr, bis 2022 sollen es schon 100.000 Fahrzeuge sein. 2.000 neue Arbeitsplätze werden angepeilt. Das ist Musik in den Ohren der Landesregierung, die jüngst verkündete, sie wolle NRW zum führenden Standort für Elektromobilität in Deutschland ausbauen. Wie gut, dass das Team um Schuh da noch einen weiteren Trumpf im Ärmel hat: Ab 2019 wollen sie den e.GO Mover bauen, einen autonom fahrenden eKleinbus, der von der Größe her mit einem SUV vergleichbar ist, aber bis zu 15 Fahrgäste befördern kann. Diese sollen den eBus dann via App rufen können – ganz unabhängig von festen Haltestellen. Stadtverkehr von morgen. Interessenten gibt es bereits reichlich.

Nächstes Projekt: Ab 2019 soll der e.GO Mover gebaut werden

Nächstes Projekt: Ab 2019 soll der e.GO Mover gebaut werden

Facts-Check

e.GO Life 20

• Gewicht: 880 kg (mit 14,9 kWh Batterie)
• Zuladung: 420 kg
• Batterietyp: Lithium-Ionen
• Batteriekapazität: 14,9 kWh
• Reichweite: 136 km
• Reichweite realer Stadtbetrieb: 104 km
• Ladezeit (Schuko-Stecker; 230 V): 6,0 h
• Ladezeit (Typ-2-Stecker; 1-phasig): 3,1 h
• Höchstgeschwindigkeit: 116 km/h

• Reisegeschwindigkeit: 104 km/h
• Beschleunigung 0–50 km/h: 6,6 Sek.
• Beschleunigung 0–100 km/h: 35,0 Sek.
• Fahrzeuglänge: 3,3 m
• Fahrzeugbreite: 1,7 m
• Fahrzeughöhe: 1,6 m
• Wendekreis: ca. 9 m
• Preis (inkl. Batterie): ab 15.900 Euro

Große Nachfrage im Vorfeld

Dass die Modelle des Aachener Start-ups gut ankommen, beweist ein Blick auf deren Website. Täglich können neue Kunden vermeldet werden – vom Pflegedienst bis zum lokalen Pizzalieferanten. Aber auch viele Privatleute interessieren sich für das Billig-eAuto made in NRW. Noch bis Februar 2018 kann sich jeder den e.GO Life in der Aachener Innenstadt anschauen.

Auf der riesigen Frontfassade des Pop-up-Stores am Holzgraben 9 spiegelt sich der Stadtflitzer in der goldenen Herbstsonne. Im Inneren des Ladens schenken Mitarbeiter der Kaffeerösterei „Leni liebt Kaffee“ Koffeinhaltiges aus, während das Einrichtungshaus Mathes exklusive Möbel präsentiert. Doch der eigentliche Star des Shops ist der e.GO Life, von dem zwei Prototypen – einer in schickem Cappuccino-Braun, der andere in schimmerndem Meeresblau – etliche Neugierige anziehen. Vertriebs-Mitarbeiter Stefan Schneider hat alle Hände voll zu tun. Der 27-Jährige, der selbst gelernter Wirtschaftsingenieur ist und seine Masterarbeit bei BMW schrieb, ist extra für den e.GO von Karlsruhe nach Aachen gezogen. „Bei den etablierten Autokonzernen hatte ich den Eindruck, dass man immer noch nicht wirklich überzeugt ist von eMobilität. Ich wollte aber für eine Firma arbeiten, die wirklich für ihr Produkt brennt“, sagt er und wendet sich kurz darauf entschuldigend ab, weil ihn eine junge Familie mit Fragen zum e.GO bedrängt.

Pop-up-Store in der Aachener Innenstadt: Noch bis Februar 2018 können sich interessierte Kunden hier den e.GO Life ganz genau anschauen.

Pop-up-Store in der Aachener Innenstadt: Noch bis Februar 2018 können sich interessierte Kunden hier den e.GO Life ganz genau anschauen.

Kunden aus dem urbanen Raum

Die hat Roger Wittemeier für sich bereits beantwortet. Zufrieden kehrt er vom Counter zurück – Vorbestellung erledigt. Dass sein nächstes Auto ein elektrisches sein soll, weiß der knapp 60-Jährige aus Solingen bereits seit ein paar Jahren. Die begrenzte Reichweite des e.GO stört ihn nicht, weil er das Auto zum Einkaufen braucht, um zur Arbeit zu fahren oder um ein paar Kurzausflüge in die Umgebung zu machen. Wenn er in den Urlaub will, nimmt er das Flugzeug. Dass er bislang noch nicht elektrisch fährt, hat einen ganz einfachen Grund: „Bei den etablierten Autobauern müsste ich 10.000 Euro mehr für ein eAuto zahlen. Wissen Sie, wie oft ich da fliegen, Bahn fahren oder einen Wagen mieten kann?“, fragt er herausfordernd. Es scheint, als hätten die Forscher aus Aachen den richtigen Riecher gehabt.

Text: Alexa Christ / Bilder: Alexa Christ, RWTH Aachen, e.GO Mobile AG