„Radikal kostengünstiges Auto“

Günther Schuh ist ein sehr gefragter Mann – kein Wunder, kommt das erste bezahlbare e-Auto e.GO doch nicht aus Wolfsburg oder Stuttgart, sondern aus Aachen!

Herr Schuh, wie kommt ein Universitätsprofessor für Produktionssystematik dazu, eAutos zu bauen?

Das fing damit an, dass wir 2004 mit einem Konzept, das maßgeblich von mir stammte, im Exzellenzcluster in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gewonnen haben. Dabei ging es um die Frage: Was produzieren wir industriell in Deutschland, das übermorgen international noch wettbewerbsfähig ist? Um diese Frage zu beantworten, brauchte man einen sogenannten „use case“, also einen Anwendungsfall. Nun hatte ich vor einigen Jahren bereits hautnah mitbekommen, wie man der deutschen Autoindustrie vorwarf, sie hätte den Hybridantrieb verpasst – übrigens völlig zu Unrecht. Aber in Sachen eAutos zeichnete sich bereits ab, dass genau dasselbe passieren würde. Und da wir Produktioner im Entwicklungsprozess grundsätzlich zu spät gefragt werden, keimte der Gedanke auf: Warum machen wir es nicht selbst? Nicht, dass wir die Arroganz besessen hätten zu sagen: Das bisschen Auto kriegen wir schon hin! Natürlich war es nicht so einfach – wir mussten Experten hinzuziehen, aber unser Wunsch war es, ein radikal kostengünstiges eAuto zu machen, bei dem uns keiner reinredet.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Kann man im universitären Umfeld eher zukunftsweisende Produkte entwickeln als in der Industrie?

Prinzipiell ja. Dafür gibt es zwei große Gründe: Wenn Sie in der Autoindustrie plötzlich anfangen, eAutos zu bauen, machen Sie sich praktisch selbst Konkurrenz. Immerhin haben die deutschen Autobauer in den vergangenen Jahren mit ihren konventionellen Fahrzeugen extrem gut verdient. Da das richtige Timing für eine Kehrt­wende zu finden ist gar nicht so einfach. Warum sollte ich das Ruder herumreißen, wenn ich doch gnadenlos erfolgreich bin mit dem, was ich bisher produziere?
Der zweite Grund liegt in der extremen Ressortspezialisierung, die wir heute in den Konzernen haben. Die allermeisten hoch qualifizierten und kreativen Köpfe sind lediglich in ihrem ureigenen Ressort autorisiert zu innovieren. Das ist natürlich per definitionem nicht grenzüberschreitend. Da haben wir es an den Unis ganz sicher leichter. Den Campus hier in Aachen haben wir aber auch gebaut, damit das Scharnier zur Umsetzung und zur Industrie besser funktioniert.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Wie hat denn die etablierte Automobilindustrie auf Ihren e.GO Life reagiert?

Bisher nur positiv. Für das Wie und das Was unserer Arbeit kriegen wir große Anerkennung. Es gab sogar schon das Eingeständnis, dass man das mal ausprobieren musste. Aber als Entwicklungschef in einem großen Konzern haben Sie solche Freiheiten in der Regel nicht. Da genießen wir als Wissenschaftler den Vorteil, dass wir uns den Kern unserer Fragestellung selber aussuchen können. Wenn Sie dann natürlich eine solche Bestätigung erhalten wie wir, dann war a) die Forschungsfrage richtig und b) wurde die Forschung selbst überzeugend ausgeführt.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Und als gefährlicher Konkurrent werden Sie von der Autoindustrie gar nicht wahrgenommen?

Solche Reaktionen hatten wir, als wir den StreetScooter entwickelt haben. Aber – aus welchen Gründen auch immer – beim e.GO erleben wir das nicht. Ich kann sagen, dass sich die Branche intensiv mit uns beschäftigt, womit ich als Hochschullehrer schon einen wesentlichen Teil meiner Mission erfüllt habe. Noch vor zwei Wochen hat uns die Forschungschefin von Daimler mit einer ganzen Truppe besucht. Denen zeigen wir fast alles, und es ergeben sich ganz tolle Diskurse und Auseinandersetzungen. Mittlerweile wird unsere Herangehensweise an das Thema eMobilität durchaus geschätzt. Man hört uns nicht nur zu, sondern man ist teilweise regelrecht geflasht von dem, was wir hier treiben. Das macht mich schon ein bisschen stolz, wenn ich ehrlich bin.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Nun sind Sie ja auch deshalb so erfolgreich, weil Sie sich gar nicht bemühen, die Reichweite Ihres eAutos auszuweiten. Stattdessen definieren Sie eine Kundenschicht, für die 100 Kilometer völlig ausreichen. Geht die Autoindustrie also immer noch falsch an das Thema eAuto heran?

Ja! Das ist nach wie vor das größte Problem. Deshalb bin ich froh um die Lautstärke, die mir die mediale Aufmerksamkeit verschafft. Wir werden auch in Zukunft nie zu bezahlbaren Elektroautos kommen, wenn diese Reichweiten wie ein Verbrenner haben sollen. Da geht die gesamte Zunft von einer falschen Annahme aus. Mal abgesehen davon, kann das Auto auch nicht unsere Klimaproblematik lösen – da haben wir viel größere Baustellen: Braunkohle, Tierhaltung, Überbevölkerung … Meine Leitsätze sind: „Wir müssen den Markt verstehen.“ Und: „Wir müssen logisch sein.“ Das heißt: Es wird auch morgen nicht möglich sein, eine Batterie zu bauen, die so günstig und so leicht ist, dass sie ökologisch viel vorteilhafter ist als ein guter Verbrenner.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Wie sieht dann für Sie die Zukunft aus?

Am langen Ende der Fahnenstange werden wir schon alles elektrisch machen – auch das Fliegen. Aber beim Auto wird das zum Beispiel über die Brennstoffzelle erfolgen. Wenn wir den Wasserstoff noch umweltfreundlich gewinnen, also ohne CO2-Emission, dann ist die Kette vernünftig geschlossen. Im Moment ist das aber noch nicht der Fall. Beim heutigen Strommix fahren Sie einen Tesla 80.000 Kilometer, bis Sie überhaupt von der Ökobilanz her neutral sind. Und auch mit unserem e.GO sind es ehrlicherweise noch 50.000 Kilometer. Bei der aktuellen Form der Batterieherstellung und des Energiemixes lässt sich dieses Problem nicht lösen. Aber man muss sich fragen, wo das Problem wirklich gravierend ist und wo das Auto gleichzeitig Teil der Lösung sein kann. Das ist der innerstädtische Bereich! Da kennen wir Aachener uns gut aus, weil wir eine ähnliche Kessellage wie Stuttgart haben. Bei uns sammeln sich die Abgase, werden nicht weggeweht, und wir sitzen dann darin fest. Wir brauchen also etwas, was die Stadt sofort entlastet, und das ist unsere ­eigentliche Mission. Da haben wir uns die Frage gestellt: Geht das auf bezahlbare Weise? Ja, das geht, wenn man sich mit 100–150 Kilometer Reichweite, kleiner Batterie, kleinem Motor und kleinem Auto zufriedengibt.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Wer werden Ihre Kunden sein?

Derzeit erhalten wir täglich 15–20 Vorbestellungen, davon circa 60 Prozent Privat- und 40 Prozent Geschäftskunden. Für die meisten ist es der klassische Zweit- oder Drittwagen. Meine Hypothese dabei lautet allerdings: Bereits nach einem Monat wird der e.GO zum Lieblingsauto werden, weil es so viel Spaß macht, ihn zu fahren. Unsere Kunden sind zumeist kaufkräftige Intellektuelle. Und dann haben wir natürlich noch die Flottenkunden, zum Beispiel Pflegedienste, Pizza auf Rädern oder Ähnliches. Wenn wir ab Mai 2018 in Produktion gehen, wollen wir es im ersten Jahr schaffen, 1.800 Autos zu bauen.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Haben Sie eigentlich auch schon Anfragen aus dem Ausland?

Oh ja, vor allem aus den Anrainern und dem deutschsprachigen Ausland. Mit dem Vertrieb werden wir in sieben europäische Länder gehen: Italien, Spanien, Portugal, Österreich, die Schweiz, Belgien und die Niederlande. Das liegt vor allem daran, dass uns dort starke Importeure gefunden haben, die unsere Autos unbedingt vertreiben wollen.
Nun leben ja die meisten Stadtbewohner in Wohnungen und nicht in frei stehenden Einfamilienhäusern mit Garage und Stromanschluss. Wie wollen Sie für die das Ladeproblem lösen?
Na ja, auch in der Stadt ist es so, dass ich zumeist einen behüteten Parkplatz oder eine Garage, wo die Ladesäule oder Steckdose anzubringen sind, zumindest mieten kann. Vielleicht nicht direkt an meiner Wohnung, aber zumindest in meiner Straße oder um die Ecke. Übrigens diskutieren wir dies auch intensiv mit zwei der größten deutschen Wohnungsbaugesellschaften, die ja nicht nur jedes Jahr neu bauen, sondern auch Hunderttausende Wohnungen im Bestand haben, die ständig modernisiert werden. Die Konzepte sehen vor, überall eine sogenannte eMobilitätsbefähigung zu schaffen. Außerdem gibt es mittlerweile genug moderne Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern Ladesäulen bieten. Wenn ich allerdings von unseren Kunden als „kaufkräftige Intellektuelle“ spreche, dann sind das ohnehin meist Leute, die zwar stadtnah, aber doch schon im Speckgürtel wohnen. Und die haben zu Hause eine Steckdose. „Städter“ ist also nicht automatisch einer, der in der Stadt wohnt, sondern einer, der dauernd in der Stadt fährt.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Wenn man Ihren Campus hier in Aachen betritt, dann drängt sich fast ein wenig der Vergleich mit dem kalifornischen Silicon Valley auf. Ist das ein Vorbild?

Nun, wir kommen ja nicht aus der Software-Ecke, daher bezeichnen wir uns gern als „Engineering Valley“. Der Kern des Ingenieurwesens ist der Erfindergeist – über alle Disziplinen hinweg. Genau das versuchen wir hier aufzubauen. Das Tollste daran sind die jungen Leute, mit denen wir arbeiten. Ein Beispiel: Wir bauen ja demnächst auch den e.GO Mover, einen elektrisch betriebenen Kleinbus. Den wollten wir bei einem Kongress präsentieren. Noch eine Woche vorher wusste ich aber nicht, ob wir rechtzeitig fertig werden würden. Als der Tag der Präsentation kam, war der Wagen innen erst halb fertig. Es gab noch keine Verkleidung, die Kabel hingen herunter, der Bodenbelag fehlte und so weiter. Für 17 Uhr war aber die feierliche Enthüllung angesetzt. Wie in Hollywood – mit Kameras en masse. Also schreite ich zur Tat, ziehe die Hülle weg, und da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie grade noch die Jungs aus dem Wagen huschen, die mit dem Cutter den Teppich innen drin zurechtgeschnitten haben. Aber: Es sah super aus! Teppich fertig, Kabel verschwunden, Verkleidungen angebracht. Das kriegen Sie nur mit solchen Mitarbeitern wie den unseren hin, die über einen unglaublichen Siegeswillen verfügen.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Gibt es beim e.GO Life eigentlich Ansprüche ans Design?

Ja, wobei ich ganz klar sage: Ein Design muss sich selbst erklären. Wir haben die fantastische italienische Designfirma Spada engagiert, die auch bereits für Ferrari und Audi gearbeitet hat. Zusammen mit unserem eigenen Chefdesigner zeichnen sie für das Design verantwortlich. Nach insgesamt 42 Änderungsschleifen stand es schließlich.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Welches Auto fahren Sie selbst?

Einen Porsche Panamera E-Hybrid. Und ab dem nächsten Jahr natürlich den e.GO Life.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Und Sie haben mit Ihren 2,03 Meter Körperlänge kein Problem, in den e.GO hineinzukommen?

Nein, denn es ist von innen das größte Kleinfahrzeug, das es gibt. Dort haben Sie mehr Platz als in der S-Klasse. In der derzeitigen Version können auf den Vordersitzen Menschen mit einer Körperlänge von bis zu 2,08 Meter entspannt sitzen.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Was werden Sie denn sonst noch so herstellen?

Flugzeuge! Daran arbeite ich schon seit dreieinhalb Jahren. An diesem Projekt sind 14 Kollegen der TH und der FH Aachen beteiligt. Auch die Landespolitik nimmt daran regen Anteil. Ende dieses Jahres wollen wir erstmalig damit an die Öffentlichkeit gehen. Daher kann ich hier an dieser Stelle noch keine Details verraten, nur so viel: Es wird megacool – und es wird natürlich elektrisch!

Professor Günther Schuh mit e.Go

Abschlussfrage: Was wünschen Sie sich eigentlich von der Politik?

Dass sie an ihrer schon formulierten Absichtserklärung festhält, der deutschen Wirtschaft dabei zu helfen, eine gefährliche Lücke zu schließen: dass wir nämlich im Moment nicht in der Lage sind, selbst Batteriezellen herzustellen. Das führt zu einer technologischen Fehlentwicklung, die wir dringend korrigieren müssen. Wir dürfen in der Wertschöpfungskette hin zur elektromobilen Lebensart keine strategischen Lücken ganz blank lassen.

Professor Günther Schuh mit e.Go

Interview: Alexa Christ