Für Kinder gab es lange keine hochwertigen Mountainbikes, weil die Fertigungsserien zu klein waren. Mit dem aufkommen von eMTBs könnte sich das ändern, denn die Hersteller wollen die junge Klientel frühzeitig an die Stromer gewöhnen.

Familienausflug am Sonntag – geht’s noch peinlicher und langweiliger? Und dann auch noch mit dem Fahrrad zu einer Almhütte! Mama findet den Einstieg ins Klickpedal nicht und kommt kaum hinterher. Papa prescht wie von der Hornisse gestochen vorneweg, weil er einem 25-Jährigen beweisen muss, dass er’s noch draufhat. Und überhaupt macht Bergauffahren und Sich-Quälen null Komma null Spaß. Dass dabei der Hintern schmerzt, macht die Sache nicht angenehmer. Am besten, man erzählt es gar nicht erst den Freunden, die in Freizeitparks fahren oder zu Hause einfach in Ruhe am Smartphone daddeln dürfen …

Familenausflug mit eMTBs.

Wenig Zug auf der Kette

So ein gruppendynamischer Familienausflug mit dem MTB kann tatsächlich zu einer wenig entspannten Veranstaltung werden, wenn die Motivations- und Konditionslevels der Beteiligten nicht fein austariert werden. Der Nachwuchs bringt einfach nicht genug Zug auf die Kette und hat keinen Bock auf lange, schweißtreibende Anstiege. Da klingt es verlockend, auch die Kleinen auf eMTBs zu setzen, um den Spaß zu maximieren und den Haussegen gar nicht erst in Schieflage geraten zu lassen. Allein: Ein Angebot an eMTBs für Kids war lange Zeit schlicht und einfach nicht existent. Überschaubar ist es auch jetzt noch, aber immerhin hat die Branche entdeckt, dass die jungen Kunden von heute vermutlich auch später dem Stromer die Treue halten werden. Das war zumindest der Eindruck, den man auf der EUROBIKE 2017, der Leitmesse der Branche in Friedrichshafen, gewinnen konnte.

Lässiges eMTB: der Kids-Stromer von KTM aus Österreich.

Lässig: der Kids-Stromer von KTM aus Österreich.

Natürlich polarisiert das Thema, wie es eben stets der Fall ist, wenn eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Fragt man jene Hersteller, die noch kein Kinder-eBikes im Sortiment haben, heißt es: Das ist pädagogischer Mist, weil es dem Nachwuchs zu einfach gemacht wird und dessen dank Computer, Handy und Fernseher ohnehin schon ausgeprägte Trägheit nur noch unterstützt wird. Klingt einleuchtend, bedeutet aber meistens nur, dass der betreffende Radbauer glaubt, die Fertigungsserien seien ohnehin zu klein, als dass sich das rechnen würde. Fragt man dagegen die Handvoll Radschmieden, die Stromer für Kids anbieten, heißt es: Selbst kleine Serien werden sich langfristig lohnen, denn so können wir junge Kunden frühzeitig an unsere Marke binden.

Bei solchen Antworten merkt man schon: Es geht nicht nur um das Wohl der Kinder, sondern auch um klingelnde Kassen. Das Argument, dass Familien auf diese Weise stressfrei gemeinsam Touren fahren können, wirkt da etwas vorgeschoben. Es kommt natürlich trotzdem: „Erstmals kann jetzt bei einem Ausflug jeder mit derselben Geschwindigkeit fahren – angepasst an seine persönliche Performance und Ausdauer. Keiner ist überoder unterfordert, das fördert den Familienfrieden“, freut sich KTM-Marketingmann Laurenz Popp, der erstmals mit einem eBike für Kinder auf der Messe vertreten war. „Außerdem hoffen wir, mit unserem Mini Me auch träge Kids fürs Mountainbiken motivieren zu können“, schiebt er hinterher. Popp empfiehlt das eRad von KTM für Jungs und Mädels ab etwa elf Jahren. Der kleine Motor des 24-Zoll-Bikes arbeitet mit gedrosselter Leistung, seine Unterstützung ist aus Sicherheitsgründen auf 20 Stundenkilometer begrenzt. Ein stark abfallendes Überrohr erleichtert das Auf- und Absteigen. Auch die Schiebehilfe wurde deaktiviert, und beim Einschalten landet man automatisch erst einmal im Off-Modus. Von Test-Experten gibt es für diese kinderspezifischen Lösungen einiges an Lob.

Haibike setzt auf Yamaha-Motor

Auch eBike-Pionier Haibike stellte mit der Four-Serie erstmals eMTBs für Kids ab acht Jahren vor, die im Frühjahr 2018 an die Händler ausgeliefert werden. Das 24-Zoll-Modell gibt es in vier verschiedenen Ausstattungen und Farben. Der Motor von Antriebspionier Yamaha sorgt für eine Unterstützung bis 25 Stundenkilometer. So weit, so gut. Doch nun die schlechten Nachrichten. Erstens: Die Räder kosten um die 2.000 Euro, teilweise mehr. Das ist viel Geld für die Eltern junger Kunden, die in zwei Jahren garantiert aus dem Bike „herausgewachsen“ sind und dann ein neues Zweirad brauchen. Hat man keine Großfamilie gegründet, bei der die zu klein gewordenen Räder an die jüngeren Geschwister weitervererbt werden können, wird das schnell ein sehr teurer Spaß. Das dürfte sich erst ändern, wenn in ein oder zwei Jahren auch Gebrauchte zu kaufen oder zu ersteigern sein werden. Zweitens: Die Räder der beiden oben genannten Hersteller wiegen jeweils gut 19 Kilo und sind damit schwer wie Kartoffelsäcke. Solche Hinkelsteine sind von Kindern, die selbst nur 30 Kilo wiegen, kaum in den Griff zu bekommen.

Christoph Malin, der fünf aktuelle Stromer-MTBs für Kids für das Fachmagazin „E-MTB“ getestet und seine Kinder selbst damit auf Tour geschickt hat, hat aber noch mehr zu kritisieren. Sein Nachwuchs klagte über unergonomisch geformte Lenker, für kleine Kinderhände schwierig zu greifende Bremshebel, schwache Übersetzungen, zu schmale Reifen und stahlharte Federgabeln. Teilweise seien an den Rädern auch noch V-Brakes verbaut, was bei langen Abfahrten mit den Kleinen regelmäßige „Boxenstopps“ zum Händeausschütteln erfordere. Dieser letzte Kritikpunkt ist von den Herstellern allerdings leicht zu kontern: Mit Scheibenbremsen wären die Kids-Bikes noch teurer. Und natürlich auch mit Vollfederung, die Kids aber auch nicht brauchen, solange sie keine ernsthaften Bikepark-Ambitionen hegen. Und dort wiederum benötigt man nicht unbedingt ein eBike. Beim 5er-Test der Familie Malin (Ben-E-Bike Twentyfour E-Power Air: 1.899 Euro, BH E-Motion EasyGo Kid: 1.599 Euro, Bulls Twenty4E: 1.999 Euro, Haibike Sduro Hardfour: 2.199 Euro und KTM Macina Mini Me: 2.099 Euro) ging das Ben-E-Bike als klarer Sieger hervor: Es wiegt nämlich samt Pedalen nur 12,2 Kilo.

24 Zoll für kleine Kunden: das eMTB für Kids von Haibike.

24 Zoll für kleine Kunden: das eMTB für Kids von Haibike.

Leichte Laufräder sind wichtig für Kids

Möglich machen das unter anderem sehr leichte Laufräder, die mit 2,1 Zoll breiten Schwalbe-Reifen (Rocket Ron) bestückt sind. Die 160-Millimeter-Scheibenbremse kommt von Magura (MT4), der 250-Watt-Nabenmotor von Bushless. Vor allem wegen des geringen Gewichts sei das Ben-E-Bike schnell zum Lieblingsrad der Kleinen geworden. Einzig der nur wenig gekröpfte Lenker wurde von ihnen kritisiert, sagt Malin. Er selbst würde sich vor allem mehr Reichhöhe wünschen. Mit 541 Höhenmetern sei diese beim Ben-E-Bike doch sehr begrenzt. Das erfordere leider eine exakte Tourenplanung, wenn man vermeiden wolle, dass die ganze Familie nach Hause schiebt.

Malins Fazit: Ein Anfang ist gemacht, und die Kids haben Spaß an den neuen Rädern, aber die Hersteller müssen noch einige Hausaufgaben erledigen. Sein Tipp für die Eltern: Keinen Druck auf den Nachwuchs ausüben, ihn Touren selbst planen und die Fahrtechnik mit Gleichaltrigen üben lassen.

Das sollte ein eMTB für Kids leisten

Dieses Bild bietet sich leider allzu oft: Während der Vater mit einem schicken Carbon-eFully durch Wald und Wiesen cruist, rumpeln die Kleinen mit einem klapprigen Kinderrad hinterher. Das sorgt für Frust und platte Reifen statt für Spaß und spannende Erlebnisse. Inzwischen gibt es jedoch ordentliche Kinder-MTBs. Firmen wie Supurb oder Early Rider haben sich sogar ausschließlich auf hochwertige Kinder-Bikes bis 24 Zoll spezialisiert. Der schwäbische Versandhändler Propain brachte bereits vor einigen Jahren mit dem Frechdax ein Mini-Fully in 16 und 20 Zoll auf den Markt. Leider gibt es davon noch keine eModelle, aber die Tipps von Propain-Chef Robert Krauss gelten für alle Kids-Bikes: „Auf eine ausgewogene Geometrie und eine optimale Gewichtsverteilung zwischen den Laufrädern achten, das bringt Laufruhe und Stabilität. Für den Schotterweg in Federelemente zu investieren ist nicht sinnvoll. Wenn man sich aber dafür entscheidet, sollte man hochwertige Gabeln und Dämpfer wählen. Die meisten dieser Elemente an Kinder-Bikes federn gar nicht ein, weil deren Qualität schlicht zu schlecht ist.

Easy Cruising durchs Gelände – mit den Ben-E-Bikes auch für Kinder ein ... Kinderspiel!

Easy Cruising durchs Gelände – mit den Ben-E-Bikes auch für Kinder ein … Kinderspiel!

Text Günter Kast / Fotos: Ben-E-Bike, Haibike, KTM