Im zweiten Teil unseres Erfahrungsberichts reisen wir auf dem Pino Steps von Hase Bikes an der Elbe entlang. Drei Tage lang fordern Gegenwind und Steigungen den Akku des Mittelmotors von Shimano heraus.

Vogelperspektive: das Pino Steps vom Aussichtsturm zwischen Boizenburg und Neu-Bleckede.

Vogelperspektive: das Pino Steps vom Aussichtsturm zwischen Boizenburg und Neu-Bleckede.

Gegen 15 Uhr sind der rote Packsack mit Wechselklamotten, Provianttasche und Regenzeug in der großen Packtasche unter dem Lenker verstaut. Ach ja, und natürlich das Ladegerät, der wichtigste Reisebegleiter für unsere Radtour entlang der Elbe. Erst nachmittags mitten in der Großstadt zu einer mehrtägigen Tretreise mit fünfjährigem Kind aufzubrechen empfinde ich als Luxus. Für genaue Tourenplanung fehlte die Zeit. Vom Elberadweg schlummerte noch ein Handbuch im Archiv – die aufgelisteten Übernachtungsbetriebe genügen mir als Sicherheit für einen Aufbruch ohne konkretes Tagesziel.

Zugegeben, das gewichtigere Argument für diese Spontaneität hängt zweieinhalb Kilo schwer im Rahmendreieck unseres Reiseuntersatzes: Ein mit 418 Wattstunden geladener Akku treibt das Stufentandem Pino Steps von Hase Bikes zusammen mit unseren vier wirbelnden Beinen an. Zumindest die nächsten knapp 70 bis gut 90 Kilometer, je nach zugeschaltetem Modus. So verspricht es das Display beim Start im Univiertel. Die Devise lautet: Erst mal laufen lassen. Später entscheiden, wo wir heute landen. Außerdem beobachten, wie sich die Wolken zusammenbrauen. Zwar erlaubt Hamburgs Sommer 2017 auch bei einem Schnitt von knapp 25 km/h Radeln im Kleidchen, doch am Abend soll es ordentlich krachen.

Um den Damm der einstigen Hamburger Marschbahn zieht sich ein ewig langer Grüntunnel. Glückselige Fahrt! Nach einer guten Stunde und 26 Kilometern verspeisen wir unser Picknick auf der Lokomotive des Abenteuerspielplatzes Gleisdreieck. Der Himmel sieht noch harmlos aus. Die 15 Kilometer nach Geesthacht sind auf alle Fälle noch drin, vielleicht reichen Tretlust und Akku sogar noch für weitere 15 bis Lauenburg. Von nun an befahren wir uns unbekanntes Terrain. Das blau geschwungene „e“ des Elberadwegs weist uns – meist ohne anhalten zu müssen – den Weg. Für den lohnenswerten Blick auf St. Nicolai in Altengamme verlässt die Route den Marschbahndamm.

Fahrrad steht mit Kind im Pino Kidersitz auf einem Radweg in einem Wald/Park.

Wie am Schnürchen: Im Grüntunnel des Marschbahndamms geben wir Gummi.

Oben am Deich lugt schüchtern der Giebel eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses hervor. Die Elbe strömt kraftvoll und breit dahin. Am Fluss entlang strampeln wir flott nach Geesthacht. Ein Abstecher den Geesthang hinauf zur Altstadt frisst etwas Akkupower. Dennoch wollen die Beine heute noch weitertreten.

Geländegängig

Hafencharme: Nach 244 spontanen Kilometern laufen wir wieder in Hamburg ein.

Hafencharme: Nach 244 spontanen Kilometern laufen wir wieder in Hamburg ein.

Dem Jauchzen über die schönen Abschnitte durch uferbegleitende Heiden folgt ein etwas mulmiges Gefühl, als das Kernkraftwerk Krümmel vorüberzieht. Kurz dahinter stärken wir uns mit einem Eis im einladenden „Elbkantinchen“, einem zum Biergartencafé erweiterten Kiosk direkt am Wasser. Kräfte sammeln vor dem Anstieg: Nun kommt ein abenteuerliches Waldstück entlang des Hohen Elbufers zwischen Tesperhude und Lauenburg. Später höre ich, dass andere Radler diesen Abschnitt teilweise verfluchen, weil ihre Fahrradanhänger Blessuren davontrugen. Beim Einstieg und an drei oder vier weiteren Stellen müssen wir zwar auch absteigen und ein Stück tüchtig schieben. Oben angekommen, bleiben die Steigungen aber moderat. Auf dem Waldweg läuft das Pino Steps dank komfortabler Federung erstaunlich ruhig und offenbart Mountainbike-ähnliche Qualitäten. Vergnügt sausen wir unter den Bäumen her. Meist reicht der Schwung abwärts, um die nächsten Meter bergauf mühelos zu meistern. Dazu muss ich rechtzeitig Vollgas geben, also mit dem linken Daumen die stärkste Stufe der Motorunterstützung wählen, während die rechte Hand die Kettenschaltung in eine niedrige Übersetzung dreht. Gut, dass ich die Griff-Koordination zur Umsetzung meiner „Schalt-Taktik“ schon einigermaßen verinnerlicht habe.

Am nächsten Morgen haben sich die schweren Gewitter verzogen, die nach unserer Ankunft niedergegangen sind. Zwischen den Fassaden denkmalgeschützter Fachwerkhäuser hoppelt das Pino Steps gemächlich übers Pflaster der Elbstraße, durch die Fenster erhaschen die Augen einen Blick in die Ateliers von Künstlern und Kunsthandwerkern. Hinter dem „Lauenburger Rufer“, einem Denkmal für die Ära als Schifferstadt, spannt sich ein langer Brückenzug quer über die Elbe. Wir bleiben jedoch am Nordufer.

Waldtauglich: Eis essen geht auch auf unbefestigten Wegen.

Waldtauglich: Eis essen geht auch auf unbefestigten Wegen.

In Lauenburg fällt der Weg so steil ab, dass wir lieber absteigen. Ich manövriere die 31 Kilo des eStufentandems plus Zuladung mit angezogenen Bremsen den oberen Teil hinunter. Dann schwingen wir uns wieder auf und rollen runter zum Fluss. Über der Elbe verdunkeln dicke schwarze Wolken den Abend. Nach 60 Kilometern hat der Akku laut Display nur noch Saft für acht Kilometer. Der Waldabschnitt mit viel Auf und Ab hat ihn ausgesaugt. Die für eine Jugendherberge komfortabel ausgestattete „Zündholzfabrik“ am Elbufer hat zum Glück noch ein Zimmer für uns. Das Beste: Eine sanft geneigte Rampe führt in den nachts verschlossenen Fahrrad raum. Das je nach ausgezogenem Vorbau um 2,20 Meter lange Rad passt dort gut hinein. Nur beim Um-die- Kurve-Hieven ist Vorsicht geboten: Vorne ragt das Tretlager des Stokers recht scharfkantig weit über das Vorderrad heraus. Durch den engen Radstand unterschätzt man leicht den benötigten Platz zum Rangieren. Also lieber etwas mehr Sicherheitsabstand halten.

Pfeilschnell

Oberhalb von Boizenburg tauchen wir unter einem hölzernen Portal hindurch ins „EinFlussReich“. Die neue Freiluftausstellung des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe widmet sich dem Thema Hochwasser. Vom Aussichtsturm „Elwkieker“ sausen die Blicke knapp 60 Meter den Elbberg hinunter, huschen über die grünen Tupfer der Bäume am Zusammenfluss von Elbe, Boize und Sude hin und her. Meine Tochter pumpt und staut unterdessen eifrig am Flussmodell. Die eine oder andere Welle schwappt über den Rand und flutet das Kind. Welch weise Entscheidung, trockene Klamotten hervorzukramen! Bei der Abfahrt vom Boizenburger Ortsteil Vier in das Hafenstädtchen knacken wir den Temporekord. Hinter dem ehemaligen DDR-Kontrollpunkt, wo heute Harry im „Checkpoint Harry“ Fritten brät, rauschen wir den Elbhang abwärts. Das Pino Steps rollt stabil, nichts flattert, ich fühle mich sicher. Unten zeigt der Tacho unseres Test-Pedelecs 42,3 Stundenkilometer als neue Höchstgeschwindigkeit an.

Elbblick vom „Elwkieker“ im Boizenburger Ortsteil Vier.

Elbblick vom „Elwkieker“ im Boizenburger Ortsteil Vier.

Am Hafen führt der Elberadweg etwas verwirrend zunächst ein Stück zurück – flussabwärts am anderen Boize-Ufer entlang. Etwa unterhalb des „Elwkiekers“ dreht der Weg dann wieder gegen die Fließrichtung, quert auf einer Brücke die Sude und läuft auf der Deichkrone zwischen Elbe und Sude zur Höchstform auf: Es fühlt sich an, wie mit der weiten Aue zu verschmelzen, eins zu werden mit der Flusslandschaft. Der Fahrtwind in den Ohren übertönt das leise Surren des Motors, das Kurbeln der Beine wirkt meditativ. Der graue Beton eines kantigen Turms reißt mich aus diesem Schwebezustand. Das Mahnmal des Eisernen Vorhangs erinnert an die Zeit, als die Elbe hier zugleich Deutschland und Europa teilte.

In Neu-Bleckede schieben wir das eTandem auf die Fähre, die – leider ohne eMotor – stinkend und laut nach Bleckede übersetzt. Dort endet die heutige Etappe nach nur gut 30 Kilometern und trotz über 50 Restkilometern im Akku. Im Schloss wollen wir dem royalen Biberpaar des niedersächsischen Biosphaeriums Elbtalaue noch auf die Kelle gucken. Am nächsten Tag nehmen wir die Darchauer Fähre zurück ans nördliche Elbufer. Bis zum Abzweig Stixe geht es noch stromauf. Gegen den Wind. Dennoch: Ist die Masse erst einmal beschleunigt, lässt sich die Geschwindigkeit ganz gut halten. Mein Ziel ist, rasch auf über 25 km/h zu beschleunigen und das Tempo möglichst zu halten. Darüber hinaus unterstützt der Motor nicht mehr, das spart natürlich Akku. Nach einem Abstecher zur Stixer Wanderdüne kehren wir um, jagen jetzt mit dem Strom und mit Rückenwind über den von weißen Blütendolden „beschneiten“ Deich. Der Tacho zeigt jetzt sogar wieder mehr Restkilometer an als zuvor! Vorüber geht es an Vorgärten mit wehenden Sachsenrössern. Die Menschen in Amt Neuhaus, der einzigen niedersächsischen Gemeinde nördlich der Elbe, stimmten nach der Wende dafür, dass die herausgeputzten Ortschaften wieder ihrem früheren Bundesland angeschlossen werden sollten.

Pino Steps auf der Fähre Amt Neuhaus bei Bleckede.

Ausgepowert

Dort verläuft der Radweg wie in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Deich. Doch südlich der Elbe, zwischen Bleckede und Lauenburg, scheitern alle Versuche, oben zu fahren. Immer wieder heißt es umdrehen. Jede getestete Auffahrt entpuppt sich als Überfahrt für Traktoren. Beim Drehen schleift die vordere Tasche über den Boden, wenn der Radius zu eng ist. Der Wind hat zugelegt und – Frechheit! –gedreht. Es nieselt zunehmend. Eher monoton surren wir dahin, beobachten die Schwalben (denen man bei dem Tempo viel näher ist) und rechnen bei jedem Wegweiser, ob der Akku noch bis Lauenburg reicht. Wird knapp.

Alte Schifferstadt: Lauenburgs Elbfront.

Alte Schifferstadt: Lauenburgs Elbfront.

Auch im kritischen Bereich von unter 20 verbleibenden Kilometern springt die Anzeige in Dreierschritten zurück, von 18 auf 15, von 12 auf 9, trotz ebener Strecke und gleichmäßigem Wind. Zur Not ließe sich das Pino Steps auch ohne Unterstützung fahren. Doch sicher ist sicher. Nach 77 Kilometern darf ich das Ladegerät am „Melkhus“ netterweise kurz einstöpseln. Eine knapp halbstündige Eispause holt so 12/16/17 Kilometer raus. Für eine volle Ladung benötigt der Akku drei bis vier Stunden.

Nach 82 Kilometern rollt das eTandem wieder über die Rampe in den Fahrradkeller der Jugendherberge. Am nächsten Tag folgen 65 Kilometer bis nach Hause. Insgesamt 244. Völlig entspannt. Mit Kind, das nur bei den Fotostopps drängelte. Drei Tage reimen, Teekesselchen suchen und singen. Und nebenbei treten.

Text & Fotos: Beate Wand