„WIR WOLLEN ETWAS IM ALLTAG UNIVERSELL EINSETZBARES SCHAFFEN“

NUR MUTIG ODER BEREITS WAHNSINNIG? UNTERNEHMER FLORIAN WALBERG SETZT AUF EIN FAHRZEUG, DASS ES LAUT EU UND TÜV GAR NICHT GIBT. „ ZIEMLICH NERDY“ GESTALTET SICH DER WEG ZUR LEGALISIERUNG SEINER ELEKTRISCHEN FAHRBAHN-DROGE.

Ein lang gezogenes „Tuuut“ tönt durchdringend im Hintergrund, als Florian Walberg sich im Weltkulturerbe Speicherstadt die Ärmel hochschiebt, auf dem Sofa zurücklehnt und erzählt. Von dem ebenso langatmigen Prozess, in dem er seit fünf Jahren in Brüssel die Basis für eine neue Fahrzeugklasse legt. Dabei agiert der Unternehmer lieber zügig. Schnelles und innovatives Denken, neben Leistungsbereitschaft und Biss, das mag er an seinen chinesischen Geschäftspartnern. Mit ihnen fertigt er ein Stück Zukunftsmobilität. Einen No-Brainer, wie er seinen elektrischen Stehroller nennt: „Ein Tretroller ist das erste Fahrzeug, das jeder Mensch mal genutzt hat. Das kann echt jeder von klein bis groß sofort. Unsere sind halt nur mit einem Motor ausgestattet.“ Um zu starten, muss man sich einmal tüchtig vom Boden abstoßen. Dreht das Hinterrad, funktioniert der Gasgriff. Drückt der Zeigefinger dann den Hebel, prescht Walbergs neuer Egret Ten surrend nach vorn. Den Fahrer drückt es nach hinten. Bis zur 30 km/h klettert die Digitalanzeige auf dem Tacho.

Gegenwind

Seit 15 Jahren sammelt der frühere TV-Moderator und Boy-Group-Sänger Erfahrung mit elektrisch angetriebenen Rollern. Anfangs mit Sattel, jetzt ohne. Aktuell mündet dieses Know-how in einer Kollektion aus sieben kompakten, robusten Modellen. Vollgummi- und Luftreifen von 6 bis 10 Zoll, 12 bis 17 Kilogramm schwer und: allesamt faltbar. Vor allem der Egret One passt unter den Schreibtisch und in jeden Kofferraum. „Auch wenn da eine Kiste Bier drauf landet, fährt der noch“, betont Walberg und erklärt, wie wichtig ihm Langlebigkeit und Premiumqualität bei seinen Produkten sind.

Schließlich will der Unternehmer damit Mobilität verändern. „In drei bis fünf Jahren regieren kleine kompakte Fahrzeuge den Kurzstreckenverkehr in der Innenstadt“, prognostiziert der Hamburger. Weil sie eine Brücke schlagen, um elegant die letzte Meile zwischen Bett und Bus, zwischen Bahn und Büro zu überwinden. Also die Lösung, um das Auto aus dem Zentrum zu verbannen. Einziges Problem, das es zu beseitigen gilt: Die 700 bis 1.600 Euro teuren Gefährte rollen im Straßenverkehr derzeit noch illegal – bei uns und in den meisten anderen europäischen Ländern.

Warum? Sie lassen sich in keine vorhandene Schublade stecken. Als motorisierter Roller fällt der Egret durch, weil für den obligatorischen Bremstest ein Sattel fehlt. Für ein Kinderspielzeug leistet der Motor wiederum zu viel. Also machte sich Florian Walberg auf den Weg nach Brüssel, um eine neue Fahrzeugklasse zu erschaffen. Seit fünf Jahren setzt er sich mit Ingenieuren von Toyota und Honda, dem Segway-Chef und Abgesandten des Handelsriesen Decathlon an einen Tisch. Gemeinsam feilen sie als Arbeitsgruppe TC354-WG4 an einem europaweit gültigen technischen Standard für das Personal Light Electric Vehicle, kurz PLEV. „Eigentlich wollte ich nur einen Roller machen, weil ich den geil fand“, resümiert Walberg und lacht. „Das ist alles ziemlich nerdy“, findet er, weiß die EU-Prozesse aber inzwischen durchaus als ausgeklügelt zu schätzen. „Nur sind sie halt kacke träge.“

6-Zoll-Egret-One

Der Take-away

Passt untern Schreibtisch, in jeden Kofferraum und ist auch im Anzug tragbar. Mit 12 Kilogramm die leichteste, kompakteste und günstigste Variante. Vollgummi-Reifen mit Front-Federung. Bis zu 35 km/h, 25 km Reichweite und 2 Stunden Ladezeit für 70 Prozent, 6 Stunden für 100 Prozent.
999 Euro.

8-Zoll-Egret-Eight

Der Geschmeidige

Dank Vollfederung verpuffen Stöße. Eignet sich zum Pflaster-Abrocken. Superkomfortabel, langes Trittbrett, perfektes Fahrverhalten. 30 km/h, 25 km Reichweite, 2 Stunden Ladezeit für 70 Prozent, 6 Stunden für 100 Prozent.
1.200 Euro.

10-Zoll-Egret-Ten

Der All-you-can-drive

Große Luftreifen und ein noch robusterer Rahmen schaffen auch locker mal Schotter. Besser für Unten-Wohner! Gut 17 Kilogramm, 30 km/h, 35 km Reichweite, 2 Stunden Ladezeit für 70 Prozent, 6 Stunden für 100 Prozent.
1.600 Euro

Rückenwind

Walberg wählte also die Methode „mit dem Kopf durch die Wand“. Entschied sich, ein verbotenes Produkt zu verkaufen, um den Markt zu öffnen und dann die Droge eKickboard zu legalisieren. Selbst mit Warnhinweis verdoppelt sein Unternehmen jetzt schon jährlich die Verkaufszahlen. Messebauer, Yachtbesitzer und Camper brettern auf dem Egret los. Viele Franzosen haben bereits begriffen, wie praktisch die schicken schwarzen eRoller sind. Spanien zieht gerade nach.

Weil bereits etliche solcher bislang undefinierten Fahrzeuge mit Elektroantrieb und ohne Sitzplatz über die Ladentheke gehen, drängt der Bundesrat die Regierung, schnellstmöglich ihre Zulassung zu regeln. Individuelle Lösungen wie in Österreich, der Schweiz, Belgien, Norwegen und Finnland, wo eRoller mit unterschiedlichen Vorgaben bezüglich Höchstgeschwindigkeit, Leistung und Bremsausstattung herumbrausen dürfen, wären auch hierzulande in einzelnen Städten oder Bundesländern jetzt schon denkbar.

Im Juni legt TC354-WG4 ihr Ergebnis auf den Tisch. Nach einer Korrekturphase könnte die neue Europäische Norm (EN) Ende des Jahres eingetütet sein. „Und das ist total geil, weil das die Basis der europäischen Gesetzgebung ist“, jubelt Walberg, während die Lautsprecherdurchsage einer Hafenbarkasse hoch zum Balkongeländer scheppert, an dem er lehnt. Dann dürfte er, der für zwei Töchter und zehn Angestellte sorgt, in eine „Mega-Zukunft“ blicken. Nur der Arbeitsname PLEV klingt noch wenig sexy. „Wer weiß, vielleicht wird die neue Fahrzeugklasse ja eines Tages Egret heißen“, scherzt er und rückt den Schirm seines stylish bedruckten Käppis sorgsam leicht schräg. Auf das Erscheinungsbild legt er nicht nur bei seinen Rollern wert.