KOPFÜBER INS KALTE WASSER. DIESEN SPRUNG WAGTE EIN FRÄNKISCHES FAHRRADUNTERNEHMEN, ALS ES VOR KNAPP ZEHN JAHREN ERSTMALS EIN MOUNTAINBIKE MIT eMOTOR AUF DEN MARKT BRACHTE. INZWISCHEN GILT HAIBIKE ALS PIONIER AUF DEM GEBIET. UND DAS NICHT NUR, WEIL DIE MANUFAKTUR AUS SCHWEINFURT WELTWEIT DIE GRÖSSTE AUSWAHL AN eMOUNTAINBIKES IM PROGRAMM HAT.

Sommer 2010. Die Fahrradwelt steht kopf. Und nicht nur die. Denn als Haibike auf der Eurobike, der weltweit größten Bike-Messe, das erste eMountainbike präsentierte, sorgten die Schweinfurter mit einem kopfüber eingebauten Motor für Furore. Das schwarz-weiße Fully (vollgefedertes Mountainbike) hatte auf dem Unterrohr einen Akku und dazu noch einen Bosch-Motor über dem Tretlager. Das war neu, und auch Bosch war damals noch Neueinsteiger auf dem Gebiet der eBike-Antriebe. Die Haibike-Entwickler aber waren sofort überzeugt von der Performance des Motors. Dieser sollte zwar ursprünglich an der Rahmenunterseite montiert werden, doch er war bei einem Mountainbike nicht nur Schlägen ausgesetzt, er reduzierte auch die Bodenfreiheit. Was tun? Getreu dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“ fanden die Schweinfurter schnell eine sinnvolle Lösung. Der Motor wurde kopfüber eingebaut, so kann der Q-Rahmen den Antrieb schützen. Die Neuheit schlug – zumindest bei den Konsumenten – ein wie eine Bombe. „Journalisten und Fachbesucher hielten uns für verrückt. Aber die Konsumenten hingen am Publikumstag wie eine Traube an diesem Bike – und sie haben es sofort verstanden“, so Susanne Puello, die damalige Geschäftsführerin der Winora Group, zu der die Marke Haibike gehört. Schon damals im ersten Jahr hatte das Unternehmen große Mühe, 2.000 Stück zu verkaufen. Und zwar nicht, weil die Nachfrage zu gering war, man kam mit den Lieferungen nicht hinterher. Das eQ XDURO wurde zum absoluten Kassenschlager. Das Thema Lieferschwierigkeit hat sich bis heute nicht gebessert, ein allgemein bekanntes und leidiges Thema in der Fahrradbranche. Wer im Frühjahr sein Fahrrad beim Händler bestellt, kann froh sein, wenn es im Sommer in der Garage steht. Die Branche boomt – egal ob mit Motor oder ohne.

km/h

  • min. Reichweite 20km
  • max. Reichweite 70km
  • Ladezeit min. 2 Std.
  • Ladezeit max. 5 Std.

Kilogramm

DAS eMOUNTAINBIKEN VERBINDET DAS BESTE AUS ZWEI WELTEN UND WIRD SICH ALS EIGENES SEGMENT WEITER ETABLIEREN Guido Tschugg

Erfolgreiches Fahrradunternehmen

Mit 20 Jahren ist die Marke Haibike noch recht jung. Doch die Vorgeschichte reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Damals gründete Engelbert Wiener, Susanne Puellos Urgroßvater, in Schweinfurt ein Fahrradgeschäft mit eigener Manufaktur. Das Unternehmen wuchs zur Winora-Gruppe heran, zu der neben der namensgebenden Fahrradmarke unter anderem auch Haibike und die Komponentenschmiede XLC gehören. „Ich wollte eigentlich nicht in den Betrieb meines Vaters einsteigen“, erzählt Puello, „sondern Agrarwissenschaften studieren. Der Numerusclausus lag jedoch damals bei 1,5. Da kam ich mit meinem Dreier-Abi nicht weit. Und mein Vater – wie Mittelstands-Eltern halt so waren – verdammte mich zu einer Ausbildung im eigenen Unternehmen.“ Zur Freude der Branche. In ihrer Laufbahn musste sie sich als Frau durch alle Abteilungen bei Winora kämpfen: „Da habe ich mich so richtig an dem Thema Fahrrad festgebissen und gesagt, hier bleibe ich.“ Nach der Lehre wurde sie Assistentin ihres Vaters, kümmerte sich vor allem um den Vertrieb. „Wir legen allergrößten Wert auf gute Beziehungen zu den Händlern und genießen im Gegenzug großes Vertrauen. Das hilft uns natürlich enorm, unsere Entscheidungen auch durchzusetzen. Wir gehen ja meist nicht den konformen Weg – trotzdem glaubte der Handel auch bei der Markteinführung der ePerformance-Bikes an uns.“ Nach der Wende kaufte Susanne Puellos Vater ein Fahrradwerk in Thüringen. Das Ganze endete in einem Rechtsstreit mit den dortigen Managern und mit einer finanziellen Schieflage der Winora-Gruppe. „Ich habe 1993 die Geschäftsführung übernommen, um meinen Vater zu entlasten“, sagt Puello. Drei Jahre später war Winora wieder rentabel – gehörte allerdings nicht mehr der Familie, sondern dem englischen Fahrradkonzern Derby. Der verkaufte das Unternehmen an die niederländische Accell-Holding weiter. Die hat einige starke eBike-Marken am Start. Die umsatz- und gewinnstärkste davon: Haibike. Die Marke, die Susanne Puello 1996 gemeinsam mit ihrem Mann und Brand Manager Felix gegründet hat.

In Sachen ePerformance gelten Susanne Puello und ihr Mann Felix als Gründungsväter, die den Markt der eMobilität für immer nachhaltig verändert haben.

Guido Tschugg in seiner Werkstatt

Fahrradstadt Schweinfurt

Dass die Marke derart erfolgreich ist, hat sie wohl auch dem Standort Schweinfurt zu verdanken. Um 1869 hatte Philipp Moritz Fischer dort das Veloziped erfunden. Seitdem ist das Radeln in Franken Volkssport. Susanne Puello ist Anfang des Jahres aus dem Unternehmen ausgesschieden. Als „Mutter der Kompanie“ war sie jedoch maßgeblich am Erfolg von Winora und natürlich auch von Haibike beteiligt. Ihr ist es letztendlich zu verdanken, dass das Thema Elektrounterstützung im sportlichen Segment aller Hersteller angekommen ist. Während viele Konkurrenten zunächst versuchten, Mountainbikes in eMountainbikes umzubauen, etablierte Haibike eine eigene Produktkategorie: ePerformance-Bikes. Kein Fahrrad im klassischen Sinne, auch kein Motocross, sondern ein eigenständiges Sport- und Spaßgerät. Mit einem Unterschied: Wenn bis heute andere Hersteller versuchen, den Hilfsantrieb so gut es geht zu verstecken, sitzt Haibikes Markenname nicht nur auf dem Unterrohr, sondern auch quer über dem Akku – als selbstbewusstes Statement und Bekenntnis zur ePerformance. Dank der Unterstützung von bekannten Markenbotschaftern wie Guido Tschugg und Andi Wittmann konnte das eMTB in den letzten Jahren sein Image deutlich verbessern und vor allem verjüngen. „Die Akzeptanz für das eMTB wächst stetig. Aber ja, am Anfang wurden wir belächelt, mittlerweile sind sportive eBikes nicht mehr aus dem Fahrradhandel wegzudenken. Derzeit stellen wir auch einen weiteren Trend fest: Viele klassische Biker setzen sich zunehmend mit eMTBs auseinander. Auf Testivals und Festivals war das bisher die Zielgruppe, die wir nur sehr schwer überzeugen konnten. Natürlich spielt hier mit rein, dass MTB-Ikonen, wie beispielsweise Guido Tschugg oder Andi Wittmann, zwei der besten Fahrer Deutschlands, auf elektrifizierte Bikes setzen“, erklärt Christian Malik, Head of R&D and Product Management bei Haibike. „Das eMTB verbindet das Beste aus zwei Welten und wird sich als eigenes Segment etablieren. In den kommenden Jahren wird die Entwicklung in diesem Bereich noch weiter fortschreiten. So werden sich z. B. Anbauteile oder Geometrien vom normalen Fahrrad deutlich unterscheiden.“ Der Produktmanager selbst kam zum Bikesport wie das Kind zur Taufe. Bei dem Versuch, mit einem normalen Trekking-Bike mit nachträglich eingebautem eMotor im Gelände zu fahren, wurde ihm das erste Mal bewusst, dass eMotoren an MTBs durchaus einen Sinn ergeben könnten. Damals gab es meist nur Nabenmotoren, die für einen MTB-Einsatz schlichtweg nicht geeignet waren.

Zahlen & Fakten:

  • Das erste eMountainbike, das eQ XDURO, stellte Haibike 2010 auf der Eurobike vor.
  • Bis 25 km/h darf der Motor ein eMTB beschleunigen, damit es in Europa gefahren werden darf.
  • Zwischen 20 und 70 Kilometern liegt die Reichweite von eMTBs, je nach Streckenprofil und Unterstützungsgrad.
  • Der Akku muss im Normalfall zwischen 2 und 5 Stunden aufgeladen werden.
  • Die höchste Unterstützungsstufe kann die eigene Trittkraft mit bis zu dreifacher Kraft verstärken.
  • Ein gängiges eMTB bringt bis zu 20 Kilogramm auf die Waage.

Konnektivität & Integration

Doch wie sieht die Zukunft im ePerformance-Bereich aus? Laut Malik werden die beiden Themen Konnektivität und Integration immer wichtiger werden: „Konnektivität, also das Internet of Things, hält in den unterschiedlichsten Bereichen Einzug, auch bei Fahrrädern und eBikes. Anders als bei ‚normalen‘ Rädern liefert hier der Akku bereits ausreichend Strom. Unser eConnect bringt dem Fahrer eine Vielzahl an Zusatznutzen, wie beispielsweise Diebstahlschutz oder eine Notfall-SMS-Funktion (Crash-Message). Auch die Möglichkeit, Strecken aufzuzeichnen und das Rad live zu tracken, runden das Paket ab. Wir sind uns sicher, dass künftig in der Entwicklung neuer Bikes neben der Hardware auch Konnektivität etc. eine große Rolle spielen wird. Fest steht auch, dass es in Sachen Motorleistung noch Potenzial nach oben gibt. Zudem wird die Integration von Anbauteilen zunehmen, zum Beispiel Fahrwerksanpassungen, ABS oder pulsgesteuerte Motorunterstützung.“ Klar, dass inzwischen auch Akkus leistungsfähiger und Motoren kleiner geworden sind. Nicht zu vergessen, dass eBikes neben dem Einsatz im Gelände immer häufiger für den Weg zur Arbeit oder für Fahrten im Alltag genutzt werden. „Am meisten Spaß macht eBiken jedoch aus meiner Sicht auf dem Trail. Uphill ist das neue Downhill – bei langen, steilen Anstiegen können die eMTBs ihre volle Performance ausspielen – und darauf passen wir auch die Geometrie und Ausstattung an.“ Man darf gespannt sein, wohin die Reise weiter führen wird.

Artikel: Astrid Schlüchter / Bilder: Haibike, Martin Erd

… It’s pretty incredible what you can do with those bikes …

Kevin Pritchard

8 x Windsurfing World Champion