VOLKER LUX (47) GLEITET GERN ELEKTRISCH DURCH DEN GROSSSTADTDSCHUNGEL. WÄHREND AUTOFAHRER IN LANGEN SCHLANGEN FLUCHEN, WEDELT ER MIT LÄSSIGEN SCHWÜNGEN UND HOHEM FUN-FAKTOR EINFACH UM SIE HERUM.

Surrend zieht das Brett an. Rollt mit den grauen Skater-Sneakers davon, beschleunigt noch mehr – bergauf! In den Schuhen stecken die Füße von Volker Lux, genannt Lux. Als wolle er mit den Fingern einen Rhythmus schnipsen, hält er seine Rechte angewinkelt vor die Hüfte. Die Hand umschließt eine kleine Fernbedienung, die auch locker in die Hosentasche passt. Damit beschleunigt und bremst Lux sein Landwheel. Der Inhaber eines Skate-Shops in der Rindermarkthalle auf Sankt Pauli experimentiert gern mit elektrisch angetriebenen Skateboards und diversen selbstbalancierenden Artverwandten.

Cruising

eSkateboard: Zweispurig mit je zwei Rollen vorn und hinten an den Außenseiten, es gibt Komplettmodelle und Solo-Antriebe zum Nachrüsten eines herkömmlichen Skateboards. Geschwindigkeitssteuerung über eine handliche (Bluetooth-)Fernbedienung oder über eine App, Lenkung durch Gewichtsverlagerung wie beim unmotorisierten Skateboarden. Das Brett liegt längs zur Fahrtrichtung, der Fahrer steht quer.

Dabei geht er nicht gerade zimperlich mit ihnen um. An seinem weißen Unicycle kleben diverse rote Polsterungen. „Wir haben das Ding ordentlich geshreddet“, erklärt Lux, warum er das selbstbalancierende Einrad nach Internet-Anleitung mit diversen Tapes verarztet hat. „Wenn du bei hohem Tempo abspringen musst, überschlägt es sich noch ein Dutzend Mal.“ Ein Kumpel schleppte es aus China an. Klappt man die Fußrasten hoch, sieht es aus, als trage man an dem Griff eine Kabeltrommel durch die Gegend. Beim Aufsteigen rät der sympathische Mittvierziger, der auch eine Skate-School betreibt: „Fest zwischen den Beinen halten. Das ist echt nicht so einfach. Je schneller du fährst, desto leichter wird es.“ Dafür muss sich der anfangs wackelige, meist die Arme seitlich wegstreckende Fahrer nach vorne lehnen. Entsprechend neigt sich auch das Gerät und treibt den Motor an. „Oberkörper gerade und schau am besten voraus, nicht nach unten“, empfiehlt der drahtig schlanke Skatefreak, der mit 16 die erste Halfpipe nach seinen Plänen baute. Bei Lux sieht es deutlich eleganter aus, wenn er salopp im Slalom durch den Park schwingt. Er reitet mit dem Unicycle auch Alltagswege ab: Seine Tochter rollt darauf zur Schule, während er den Kleinen im Kinderwagen mit Tomkick (ein ausklappbares Skate-board – noch ohne Motor) schiebt.
Sind alle abgeliefert, juckelt er auf dem Mini-Fahrzeug in seinen Laden. Dennoch wurmt es ihn, dass er es noch nicht vollends beherrscht: „Ich will damit auch stehen bleiben können, also im kurzen Wechsel vor- und zurückfahren, um mich oben zu halten.“ Immerhin: Treppenhüpfen klappt schon einigermaßen, manchmal sucht die Hand noch Halt am rettenden Geländer. Die gut einen Reifen breite Bahn zwischen Treppengeländer und Grünfläche braust die neunjährige Tochter allerdings souveräner hoch und runter.

MicroE

Wir stellen drei verschiedene Bauprinzipien der Micro-eMobililty vor (s. andere Kästen). Da diese Geräte ziemlich neu sind, haben sich noch keine eindeutigen Namen etabliert. Es kursieren doppeldeutige und irreführende Begriffe. Zum Beispiel, wenn Herstellernamen zur Bezeichnung einer Geräteklasse verwendet werden.

Mit dem eEinrad zur Kita

Sonst kein Verächter von Geschwindigkeit, traut sich Lux beim Unicycle noch nicht bis ans Maximum: „Auch nach einem Jahr schwingt bei hohem Tempo noch die Angst mit, dass ich mich nicht halten kann“, gesteht er. Seine eSkateboards reizt er dagegen voll aus. Mit bis zu 40 Sachen düst er auf leeren Parkplätzen über den Asphalt. Dann allerdings mit Helm, dicken Knieschonern und lederner Motorradjacke. Unicycles und Hoverboards brausen auch über unbefestigten Untergrund und lassen sich sogar bei Regen fahren. Im Gegensatz zum Unicycle fühlte sich das Hoverboard gleich „wie angewachsen“ an, erinnert sich Lux und ergänzt: „Schon beim ersten Aufsteigen konnte ich mich exakt so bewegen, wie ich wollte.“ Er stieß darauf, weil er sich für die schnellen eLongboards des Herstellers Koowheel interessierte. Mit dem Hoverseat oder Hoverkart lässt sich das Hoverboard im Nu zu einem äußerst wendigen elektrischen Fahrzeug pimpen, das an ein Tretauto erinnert. Nur ohne Pedale.

Balancing

Unicycle, selbstbalancierendes Elektro-Steh-Einrad: Zu beiden Seiten des einzigen luftgefüllten Reifens klappen Fußrasten für den Fahrer aus. Die Körperhaltung wie Vor- und Zurückneigen beschleunigen das Gefährt, die Beine leiten sehr intuitiv Kurven ein. Es erfordert am meisten Übung und – obwohl selbstbalancierend – das größte Gleichgewichtsvermögen des Fahrers von den vorgestellten Varianten. Anfangs hilft eine Hauswand oder Ähnliches zum Festhalten beim Start. Der Fahrer schaut nach vorn.

Großstadtvisionen

Schon ab gut 250 Euro werden Hoverboards auf den Markt geschmissen. Doch machten einige Billigteile durch abgebrannte Akkus Schlagzeilen. „Die lässt man besser nicht im Kofferraum liegen“, unkt Lux, während er, die Hände lässig in den Hosentaschen, futuristisch dahingleitet und neugierige Blicke auf sich zieht. Der Pionier in Sachen Mikromobilität findet Hoverboard und eLongboard so einfach zu beherrschen, dass er gezielt Kurse für ältere Menschen anbieten will, um sie mobiler zu machen. Auf seinem neuesten Flyer wirbt ein Mann mit langem grauen Bart und der Aufschrift „Von 2 bis 80 Jahre!“ auf dem Shirt. Überhaupt ist der Lux, der eigentlich recht besonnen wirkt und früher Skate-Worldcups organisierte, überzeugt, dass „die eMobility-Einheiten den gesamten Verkehr enorm entspannen können“. Seine neueste Vision: Er will sich ein Lasten-eBoard bauen. „Dann könnte ich die neue Ware per Skateboard abholen und mitten durch Hamburg manövrieren“, begründet Lux. Wahrscheinlich wäre er sogar schneller als mit dem Auto.

Floating

Hoverboard: Zweispurig mit je einer Rolle an beiden Seiten außen, dazwischen zwei Tritt-bretter, deren Neigungswinkel nach vorn / nach hinten das Board beschleunigt / abbremst. Beim Verwinden der beiden Trittbretter zueinander kurvt das Gefährt. Die Körperbewegungen steuern das Gefährt sehr intuitiv. Das Brett liegt quer zur Fahrtrichtung, der Fahrer schaut nach vorn. Aufsteigen und los!

Doch auch so strapaziert er die eLongboards bis aufs Äußerste. Beim ersten Landwheel brach sofort die Baseplate. Seine Erfahrungen teilt er dem Hersteller mit. Sie fließen in künftige Entwicklungen ein. Das Deck des Nachfolgemodells hält nun stand, wenn er damit einen „Ollie“ macht. Das ist Skaterslang für einen Trick, bei dem durch eine spezielle Fußtechnik der Fahrer samt Board hochspringt.

Den Hersteller Yuneec, der in China vor allem Elektroantriebe für die Luftfahrt entwickelt, führt Lux schon länger im Shop. „Aus meiner Warte waren das die Ersten, die ein für den Handel attraktives, serientaugliches Elektroboard auf den Markt brachten“, denkt Lux zurück.
Das erste E-GO 1 hatte noch keinen Tail.“ Ohne die Aufbiegung, die über die Hinterachse hinausschaut, fehlt der Hebel, um zu drehen und so die Ausrichtung beim Fahren zu korrigieren. „Da musst du das Board bei einer engeren Kurve immer wieder anheben“, fachsimpelt er. E-GO 2 kam dann im Cruiser-Shape, also mit Tail und Nose, auf den Markt. Bei den austauschbaren Antrieben von Landwheel und Mellowlobt er: „Du kannst echt das Board nehmen, worauf du Bock hast.“ Der Radstand reiche eigentlich immer, um das Akkugehäuse unter dem Deck zu platzieren. Beim Koowheel lässt sich immerhin der Akku auswechseln.

Eine Greisin mit Rollator schaut Lux beim Rumcruisen mit dem Unicycle bewundernd zu. Sie spricht ihn an, zeigt ihm ihre Fotos auf der Kamera. Danach fragt er sich, womit er in ihrem Alter wohl unterwegs sein wird? Vermutlich nach dem Motto: Egal wie viele Rollen, Hauptsache mit über 3.000 Watt und ordentlich Karacho!

Autor: Beate Wand / Bilder: Beate Wand